Gott wird aus seinen sichtbaren Werken erkannt


Es ist auch nicht glaublich, dass dieser ganzen Maschine nicht hie und da einige Kennzeichen von der Hand des großen Baumeisters sollten eingeprägt worden sein; und dass sich in den Dingen der Welt nicht ein dem Werkmeister, der dieselben gebaut und gebildet hat, einigermassen ähnliches Bild finden sollte. Er hat allerdings den Charakter seiner Gottheit in diesen großen Werken hinterlassen: und es liegt bloß an unserer Schwachheit, dass wir denselben nicht wahrnehmen. Er selbst sagt es uns, dass er uns seine unsichtbaren Wirkungen durch die sichtbaren offenbart. Sebonde hat sich diese edle Untersuchung angelegen sein lassen, und zeigt uns, dass kein einziges Stück in der Welt seinen Werkmeister verläugnet. Die göttliche Güte würde dadurch verletzt werden, wenn nicht das Weltgebäude mit unserm Glauben übereinstimmte. Der Himmel, die Erde, die Elemente, unser Leib und unsere Seele, alle Dinge kommen darinnen überein. Wir müssen nur ein Mittel finden, uns derselben zu bedienen. Sie lehren uns, wenn wir nur im Stande sind sie zu verstehen. Diese Welt ist ein sehr heiliger Tempel, in welchen der Mensch hinein geführt wird, dass er die darinnen befindlichen Bildsäulen betrachten soll, die von keiner sterblichen Hand verfertigt, sondern von dem göttlichen Verstande unsern Sinnen dargestellt worden sind, damit sie uns die unsichtbaren vorstellen sollen: die Sonne, die Sterne, die Wasser und die Erde. Gottes unsichtbares Wesen, sagt der heil. Paulus (a), wird an der Schöpfung der Welt ersehen, wenn man seine ewige Weisheit und Gottheit an den Werken wahrnimmt.

 

Atque adeo faciem coeli non inuidet orbi

Ipse Deus, vultusque suos corpusque recludit

Semper voluendo: seque ipsum inculcat et offert,

Vt bene cognosci possit, doceatque videndo

Qualis eat, doceatque suas attendere leges. (b)

 

Unsere Vernunft und unsere menschliche Schlüsse gleichen der trägen und unfruchtbaren Materie; die Gnade Gottes aber ist die Form dazu: diese gibt derselben die Gestalt und den Wert. Die tugendhaften Handlungen des Sokrates und des Cato bleiben eitel und unnütze, weil sie nicht die gehörige Absicht gehabt, weil sie nicht auf die Liebe und den Gehorsam gegen den wahren Schöpfer aller Dinge abgezielt, und weil sie Gott nicht erkannt haben. Eben so geht es auch mit unsern Einfällen und Schlüssen. Sie haben einen Körper, der aber ein ungestalter Klump ohne Bildung und ohne Licht ist, wenn nicht die Gnade Gottes und der Glaube dazu kommen. Also bestärkt und befestigt der Glaube die Beweise des Sebonde, wenn er sie färbt und erleuchtet. Sie können einem Anfänger nützlich sein, und zum ersten Führer dienen, damit er den Weg zu dieser Erkenntnis trifft. Sie bereiten ihn einigermassen vor; und machen ihn der göttlichen Gnade fähig, vermittelst welcher hernach unser Glaube zu seiner Vollkommenheit gelangt. Ich kenne einen angesehenen und gelehrten Mann, welcher mir gestanden hat, dass er vermittelst der Beweise des Sebonde von den Irrtümern des Unglaubens abgebracht worden sei. Und, wenn man sie auch dieser Zierde, der Hilfe und des Beifalles des Glaubens, beraubt; wenn man sie auch als bloß menschliche Einfälle betrachtet, um diejenigen damit zu bestreiten, die in die abscheuliche und schreckliche Finsternis des Unglaubens gefallen sind: so wird man dem ungeacht noch finden, dass sie so gründlich und so stark sind, als keine andere von eben dieser Gattung, die man ihnen entgegen setzen kann. Auf diese Art können wir also zu unsern Gegnern sagen,

 

Si melius quid habes, accerse, vel imperium fer. (c)

 

Sie müssen entweder die Stärke unserer Beweisgründe gelten lassen, oder uns anderswo, und bei einem andern Beweise, die besser zusammenhängen, und von besserm Stoffe sind, zeigen. Ich habe mich unvermerkt schon halb auf dem andern Einwurf eingelassen, welchen ich mir wegen des Sebonde zu beantworten vorgesetzt hatte.

 

___________________

(a) Röm. I, v. 20.

(b) Gott mißgönnt der Erde den Anblick des Himmels nicht. Er dreht sich unaufhörlich herum und stellt unseren Augen seine Gestalt und seinen Körper dar. Er zeigt sich uns beständig, damit wir ihn recht kennen lernen sollen, damit wir seinen Lauf sehen und seine Gesetze aufmerksam betrachten sollen. Manil. L. IV gegen das Ende.

(c) Wenn ihr etwas besseres habt, so zeigt es, oder folgt. Horat. L. I. Ep. V. v. 6.


 © textlog.de 2004 • 11.12.2017 15:04:41 •
Seite zuletzt aktualisiert: 15.08.2006 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright