Ob das günstige Urteil vor den Sophokles und die Milesier gegründet gewesen ist


Ich stimme nicht mit dem Urteile überein, welches man zum Vorteile des Sophokles gefällt, und worinnen man geschlossen (a) hat, er müßte im Stande sein seine häuslichen Geschäfte wohl in Obacht zu nehmen, ungeachtet ihn sein Sohn angeklagt hatte, weil man eine von seinen Tragödien gesehen hatte. Auch finde ich die Mutmassung der Parier, die zur Verbesserung der Milesier abgeschickt worden waren, nicht zureichend zu dem Schlüsse, den sie daraus zogen. Da diese die Insel besichtigten, merkten sie sich die am besten gebauten Felder, und die am besten bestellten Lusthäuser auf dem Lande an. Als sie nun die Namen von den Herren dieser Güter aufgezeichnet und die Bürger in der Stadt versammelt hatten (b), ernannten sie diese Besitzer zu neuen Regenten und Obrigkeiten, in der Meinung, Leute, welche das Ihrige wohl in Acht nähmen, würden sich auch die öffentlichen Angelegenheiten angelegen sein lassen. Wir sind alle aus verschiedenen Lappen zusammen gesetzt: und sind so ungestalt und so ungleich zusammengesetzt, dass jedes Stück von uns jeden Augenblick sein Spiel treibt. Ja, wir sind uns selbst, so wenig als andern, gleich.

 

Magnam rem puta, vnum hominem agere. (c)

 

Weil der Ehrgeiz den Menschen so wohl die Tapferkeit, als die Mäßigkeit, und die Freigebigkeit, ia selbst die Gerechtigkeit lehren kann, weil der Geiz einen Kramdiener der doch hinter dem Ofen und im Müßiggang erzogen worden ist, so viel Mut einpflanzen kann, dass er sich so ferne von seinem Hause der Willkür der Wellen und des erzürnten Neptuns in einem zerbrechlichen Schiffe anvertraut; weil der Geiz selbst Klugheit und Verschwiegenheit lehrt; weil die Venus so gar die Jugend, die noch unter der Zucht und unter der Rute steht, mit Herzhaftigkeit und Kühnheit versieht, und das zarte Herz der Mädchen die ihren Müttern noch im Schoße sitzen, bewaffnet:

 

Haec duce custodes furtim transgressa iacentes

Ad iuuenem tenebris sola puella venit: (d)

 

so darf uns kein vernünftiger Mensch bloß nach unseren äußerlichen Handlungen beurteilen. Man muß bis auf das innere fühlen, und sehen, von was für Triebfedern die Bewegung herkommt. Aber je kühner und höher diese Unternehmung ist, desto weniger Leute sollten sich derselben unterfangen.

 

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(a) Cic. de Senectute c. 7.

(b) Herodot. L. V p. 339.

(c) Glaube mir, es ist ein wichtiges Werk, wenn einer nur eine einzige Person vorstellen will. Senec. Epist. 120. gegen das Ende.

(d) Unter der Venus Anführung geht die Jungfrau bei der Nacht ganz allein mitten durch ihre eingeschlafene Wächter hindurch, um ihren Liebsten aufzusuchen. Tibull. L. W. Eleg. 1.v. 75. 76.


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