Einwurf wider das Buch von Sebonde


Der erste Vorwurf, den man seinem Werke macht, ist dieser, die Christen thäten sich selbst Schaden, wenn sie ihre Religion durch menschliche Gründe unterstützen wollten, weil diese allein durch den Glauben und durch einen besondern Beistand der göttlichen Gnade begriffen würde. Dieser Einwurf scheint von einem heiligen Eifer her zu kommen. Aus dieser Ursache müssen wir denenjenigen, welche ihn vortragen, mit desto mehr Sanftmut und Achtung Genüge zu tun suchen. Dieses Unternehmen würde sich freilich besser für einen in der Gottesgelahrheit bewanderten Mann, als für mich schicken, weil ich davon nichts verstehe. Ich, meines Teils, bin allerdings der Meinung bei einer so göttlichen, so hohen, und den menschlichen Verstand so weit übersteigenden Sache, wie diejenige Wahrheit ist, von welcher uns die Güte Gottes einiges Licht hat geben wollen, sei es sehr nötig, dass er uns noch ferner durch eine ausserordentliche und besondere Gnade Beistand verleiht, damit wir dieselbe begreifen, und ihr in uns Raum geben können. Ich glaube auch nicht, dass die bloß menschlichen Mittel, hiezu im geringsten zureichend sind: denn, wenn sie dieses wären, so würden so viel seltene und vortreffliche, und mit allen natürlichen Gaben reichlich versehene Seelen in den alten Zeiten gewiß durch ihre Vernunft zu dieser Erkenntnis gelangt sein. Der Glaube allein faßt die hohen Geheimnisse unserer Religion freudig und zuversichtlich. Allein, dieß ist nicht so zu verstehen, als ob es nicht eine sehr schöne und sehr lobenswürdige Unternehmung wäre, wenn man auch die natürlichen und menschlichen Werkzeuge, die uns Gott gegeben hat, zum Dienste unsers Glaubens anwendet. Ohne Zweifel können wir sie nicht herrlicher anwenden. Ja, keine Beschäftigung und kein Vornehmen kann einem Christen anständiger sein, als wenn alles sein Studieren und Denken auf die Verschönerung, Erweiterung, und Bestärkung der Wahrheit seines Glaubens abzielt. Wir begnügen uns nicht Gott im Geiste und mit der Seele zu dienen. Wir sind ihm überdiß noch eine leibliche Verehrung schuldig, und erzeigen ihm auch dieselbe. Wir wenden sogar unsere Glieder, unsere Bewegungen, und die äusserlichen Dinge zu seiner Ehre an. Eben so müssen wir es hier auch machen, und unsern Glauben mit aller in uns befindlichen Vernunft vergesellschaften: aber beständig mit dieser Einschränkung, dass wir nicht glauben, unsere Kräfte und Beweisgründe könnten eine so übernatürliche und göttliche Wissenschaft erreichen. Wenn sie uns nicht durch eine ausserordentliche Eingebung zu Teile wird; wenn wir sie nicht allein durch die Vernunft, sondern noch überdies durch menschliche Mittel erlangen: so besitzen wir sie nicht in ihrer wahren Hoheit und in ihrem völligen Glanze. Und gewiß, ich befürchte immer, wir möchten sie bloß durch diesen leztern Weg erhalten haben. Wenn wir Gott vermittelst eines lebendigen Glaubens anhiengen; wenn wir Gott durch seinen Trieb, und nicht aus eigenem Triebe anhiengen; wenn wir durch göttlichen Beistand festen Fuß und Grund hätten: so würden uns die menschlichen Zufälle nicht so, wie sie es wirklich tun, wankend machen. Wir würden uns nicht auf einen so schwachen Angriff ergeben. Die Liebe zur Neuerung, die Gewalttätigkeit der Fürsten, das gute Glück einer Partei, die vermessene und ungefähre Veränderung unserer Meinungen, würden unsern Glauben nicht erschüttern und ändern können. Wir würden uns durch einen neuen Beweisgrund, und durch das Zureden aller Redekunst, die jemals gewesen ist, darinnen nicht stören lassen. Wir würden diese Wellen mit einer festen und unbeweglichen Standhaftigkeit aushalten.

 

Illisos fluctus rupes vt vasta refundit,

Et varias circum latrantes dissipat vndas

Mole sua. (a)

 

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(a) Wie ein ungeheurer Fels durch seine Größe die an ihn schlagenden Fluten zurückschmeißt, und die vielerlei um ihn herumtobenden Wellen zerteilt. Diese lateinischen Verse sind aus einem neuern Poeten, der die Gedanken und meisten Worte aus diesen schönen Versen des Virgils genommen hat:

Ille velut pelagi rupes immota resistit:

Ut pelagi rupes, magno veniente fragore,

Quae sese, multis circum latrantibus vndis,

Mole tenet. Aeneid. L. VII. v. 587. u. f.

In einigen Ausgaben des Montaigne verweiset man uns auf diese Stelle des Virgils, als wenn sie Montaigne unmittelbar angeführt hätte. Allein es sind Verse eines Ungenannten zu Ronsards Lobe. Tom. X. Paris, 1609. in 12.


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