Das Vergnügen bei dem Trinken ist das letzte, wozu der Mensch fähig ist


Doch wir müssen wieder auf unsere Bouteillen kommen. Die Beschwerlichkeiten des Alters, welche einer Stütze und Erfrischung bedürfen, sollten mir fast mit Rechte ein Verlangen nach dieser Gabe einpflanzen. Denn das Trinken ist fast das letzte Vergnügen, welches uns die Jahre rauben. Die natürliche Wärme, sagen lustige Brüder, kommt zuerst in die Füsse: diese Wärme findet sich in unserer Kindheit. Von da steigt sie in die mittlere Gegend, wo sie lange sitzen bleibt, und nach meiner Meinung die einigen wahren Ergötzlichkeiten des körperlichen Lebens hervor bringt. Die andern Wollüste sind gegen diese nur ein Traum. Endlich kommt sie, wie ein Dunst, der sich wenn er in die Höhe steigt, verteilt und verfliegt, in die Kehle, wo sie ihren letzten Stillstand macht. Gleichwohl weiß ich nicht, wie man das Vergnügen zu trinken, weiter als der Durst geht, verlängern, und sich in der Einbildung mit Gewalt und wider die Natur einen Appetit machen kann. Mein Magen würde sich nicht so weit treiben lassen; es kommt ihm schwer genug an, wenn er nach Notdurft trinkt. Nach meiner Leibesbeschaffenheit mache ich mir aus dem Trinken weiter nichts, als in so fern es auf das Essen folgen muß: und deswegen trinke ich auch zum letzten male allezeit am meisten. Weil uns das Alter den Gaumen mit Schleim überzieht, oder sonst durch andere üble Leibesbeschaffenheit verderbt: so schmeckt uns der Wein immer besser, je mehr wir unsere Duftlöcher geöffnet und abgespielt haben. Zum wenigsten bekomme ich selten, gleich auf das erste mal den rechten Geschmack davon. Anacharsis wunderte sich (a), dass die Griechen zu Ende der Mahlzeit aus größern Gläsern tranken, als zu Anfange. Sie taten es, wie ich denke, aus eben dem Grunde, aus welchem es die Deutschen tun, die alsdann erst um die Wette zu trinken anfangen. Plato verbietet den Kindern (b), vor dem achtzehnten Jahr Wein zu trinken, und vor dem vierzigsten sich voll zu trinken. Aber Leuten, die das vierzigste Jahre zurück gelegt haben, verzeiht er es, wenn sie einen Gefallen daran finden, und dem Dionysius bei ihren Gastmalen etwas mehr Einfluß verstatten: Diesem guten Gotte, der den Menschen die Munterkeit, und den Alten die Jugend wieder gibt, der die Leidenschaften besänftigt und erweicht, gleichwie das Feuer das Eisen weich macht. In seinen Gesetzen hält er dergleichen Trinkgesellschaften, woferne nur in der Gesellschaft ein Haupt dabei ist, das sie im Zaume und in Ordnung halten kann, für nützlich. Denn er sagt, die Trunkenheit sei eine schöne Übung, und ungemein geschickt den alten Leuten das Herz zu machen, sich durch Tanzen und Musik zu ergötzen; welches sehr nützliche Dinge wären, und deren sie sich doch nicht unterfangen dürften, so lange sie bei gutem Verstande wären. Der Wein sei geschickt die Seele mäßig, und den Leib gesund zu machen.

 

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(a) Diogenes Laertius in vita Anacharsis L. I. Segm. 104.

(b) De Legibus L II. p. 581.


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