Die Natur hat sich günstiger gegen den Menschen bezeiget, als man sich gemeiniglich einbildet


Die Natur hat allen ihren Geschöpfen gleiche Liebe bezeigt; und es ist kein einziges darunter, welches sie nicht mit allen zur Erhaltung seines Wesens nötigen Mitteln vollkommen versehen hätte. Die Menschen führen gemeiniglich allerhand Klagen, die von ihrer frechen Art zu denken herrühren, welche sie bald über die Wolken erhebt, bald wieder bis zu den Gegenfüssern erniedrigt. Der Mensch, sprechen sie, ist das einzige verlassene Tier, das auf der bloßen Erde bloß, gebunden, und gefesselt liegt, und sich mit nichts bewaffnen und bedecken kann, als mit dem was es andern Tieren auszieht. Hingegen hat die Natur alle andere Geschöpfe mit Schalen, Hülsen, Rinde, Haaren, Wolle, Stacheln, Leder, Pelze, Federn, Schuppen, Fellen und Borsten, nach Notdurft versehen, und sie zum Angriffe und zur Verteidigung mit Klauen, Zähnen, und Hörnern bewaffnet. Ja, sie hat ihnen so gar, das, was ihnen anständig ist, schwimmen, laufen, fliegen, singen gelernt: da hingegen der Mensch ohne fremden Unterricht weder gehen, noch reden, noch essen, und nichts als weinen kann.

 

Tum porro puer, vt saeuis proiectus ab vndis

Nauita, nudus humi iacet infans, indigus omni

Vitali auxilio, quum primum in luminis oras

Nixibus ex aluo matris natura profudit,

Vagituque locum lugubri complet, vt aequum est

Cui tantum in vita restet transire malorum.

At variae crescunt pecudes, armenta feraeque,

Nec crepitacula eis opus est, nec cuiquam, adhibenda est

Almae nutricis blanda atque infracta loquela,

Nec varias quaerunt vestes pro tempore coeli:

Denique non armis opus est, non moenibus altis

Queis sua tutentur, quando omnibus omnia large

Tellus ipsa parit, naturaque daedala rerum. (b)

 

Diese Klagen sind unbegründet. In der Einrichtung der Welt ist mehr Gleichheit, und eine bessere Verhältnis beobachtet. Unsere Haut schützt eben so gut, als die Haut der Tiere, vor der rauhen Witterung; wie viele Völker bezeugen, die noch bis jetzt keine Kleider tragen. Unsere alten Gallier waren schlecht bekleidet; und unsere Nachbarn, die Irrländer, sind es nicht besser, ungeacht sie in einer so kalten Gegend wohnen. Allein, wir können dieses am besten an uns selbst wahrnehmen. Alle Teile unsers Leibes, die wir dem Winde und der Luft aussetzen wollen, finden sich geschickt dieses auszustehen. Wenn einer von unsern Teilen schwach ist, und sich dem Ansehen nach vor der Kälte fürchten muß; so ist es der Magen, in welchem die Verdauung geschieht. Allein, unsere Vorfahren trugen denselben entblößt, und unser Frauenzimmer, so weich und zärtlich es auch sonst ist, geht manchmal bis auf den Nabel halb entblößt. Das Binden und Wickeln der Kinder ist eben so wenig notwendig: und die lakedämonischen Mütter (b) erzogen die ihrigen so, dass sie ihnen eine völlig freie Bewegung ihrer Glieder ließen, und sie weder banden noch wickelten. Unser Weinen haben die meisten Tiere mit uns gemein, und es sind wenige darunter, die sich nicht lange nach ihrer Geburt noch beklagten, und noch seufzten, weil sich dieses Bezeigen sehr wohl zu der Schwachheit schickt, in welcher sie sich befinden. Das Essen ist bei uns, sowohl als bei ihnen, natürlich, und gibt sich, ohne Unterricht.

 

Sentit enim vim quisque suam quam possit abuti. (c)

 

Wer zweifelt daran, dass ein Kind, wenn es die Kräfte sich zu ernähren erlangt hat, nicht auch seine Nahrung zu suchen wissen sollte? Die Erde bringt sie hervor, und bietet sie ihm auch ungebaut, und ohne Zutun der Kunst, so viel es zur Notdurft braucht, reichlich dar. Geschieht dieses gleich nicht zu jeder Zeit: so geht es doch auch bei den Tieren nicht anders; wie der Vorrat zeigt, welchen wir die Ameisen und andere Tiere auf die unfruchtbaren Jahreszeiten sammlen sehen. Diejenigen Völker, die wir erst kürzlich entdeckt haben, und die mit Fleische und natürlichem Trank, ohne dass ihnen dieselben einige Mühe oder Umstände kosten, so überflüßig versehen sind, haben uns gelehrt, dass das Brot nicht unsere einzige Nahrung ausmacht, und dass uns unsere Mutter, die Natur, ohne unsere Arbeit mit allem benötigten im Überflusse versehen: ja, aller Wahrscheinlichkeit nach, weit vollkommener und reichlicher, als sie gegenwärtig tut, da wir unsere Kunst mit eingemischt haben.

 

Et tellus nitidas fruges vinetaque laeta

Sponte sua primum mortalibus ipsa creauit:

Ipsa dedit dulces foetus, et pabula laeta

Quae nunc vix nostro grandescunt aucta labore,

Conterimusque boues et vires agricolarum. (d) 

 

Unser ausschweifender und unordentlicher Appetit kommt allen Erfindungen zuvor, dadurch wir ihn zu stillen suchen.

 

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(a) Das Kind liegt, wie ein von den wilden Wellen an das Ufer geworfener Schiffer, nackt und aller Lebensmittel beraubt, auf der Erde, sobald es die Natur dem Leibe seiner Mutter entrissen, und an das Licht gebracht hat. Daher erfüllt es auch den Ort seiner Geburt mit einem kläglichen Geschreie, wie billig, da ihm in seinem Leben noch so viel Unglück bevorsteht. Alle Arten der Tiere hingegen, so wohl zahme als wilde, brauchen weder Klappern, noch eine Säugamme, die sie liebkost und mit ihnen lallt. Sie haben nicht nötig, sich nach Verschiedenheit der Jahreszeiten verschiedentlich zu kleiden. Sie brauchen auch weder Waffen noch hohe Mauren, das ihrige zu verteidigen, da die Erde alles, was sie bedürfen, aus ihrem Schoße hervor bringt. Lucretius. L. V. v. 223-235.

(b) Plutarch in Lykurgs Leben.

(c) Denn ein jeder empfindet, was er zu tun im Stande ist. Lucretius. L. V. v. 1032.

(d) Anfänglich brachte die Erde dem Menschen für sich selbst herrliche Ernden und lustige Weinberge hervor. Sie gab ihm selbst vortreffliche Früchte und fette Weyden. Allein, jetzt bringen wir mit aller unserer Arbeit kaum etwas auf, wenn sich gleich die Ochsen und Ackerleute abmatten. Lucretius. L. II. v. 1157. u. f.


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