Eifer der Christen voller Ungerichtigkeit und Hitze


Ich sehe es augenscheinlich, dass sich meistenteils unsere Andacht nur durch solche Pflichten äußert, die unsern Leidenschaften schmeicheln. Keine Feindseligkeit ist ausnehmender, als die christliche. Unser Eifer tut Wunder, wenn er unsere Neigung zum Hass, zur Grausamkeit, zur Ehrbegierde, zum Geiz, zur Lästerung und zum Aufruhr, befördert. Gegenteils aber will es gar nicht fort, wenn er sich durch Guttätigkeit und Mäßigung zeigen soll: und ihn nicht eine seltene Gemütsbeschaffenheit, als wie durch ein Wunderwerk, dazu antreibet. Unsere Religion ist die Laster auszurotten gestiftet: allein sie bahnet ihnen den Weg, unterhält, und reizet sie. Man darf Gott keinen ströhernen Bart machen, wie man im Sprüchworte sagt. Wenn wir ihn glaubten, ich sage nicht mit einem wahrhaftigen, sondern nur mit einem gemeinen Glauben; ja, und ich sage es zu unserer großen Schande, wenn wir ihn so glaubten und erkannten, wie eine andere Sache, oder wie einen von unsern guten Freunden: so würden wir ihn wegen der unendlichen Gütigkeit und Schönheit, die an ihm hervor leuchtet, über alle Dinge lieben. Zum wenigsten würde er unsere Zuneigung mit den Reichtümern, den Ergötzlichkeiten, der Ehre, und unsern guten Freunden teilen. Allein, der beste unter uns scheuet sich nicht so sehr ihn zu beleidigen, als er sich seinen Nachbarn, seinen Anverwandten, seinen Herrn zu beleidigen scheuet. Ist einerwohl so einfältig, dass er, wenn er auf einer Seite eine von unsern lasterhaften Belustigungen vor Augen hätte, und auf der andern eben so gut von dem Zustande einer ewigen Herrlichkeit überzeugt wäre, eines gegen das andere vertauschen sollte? Und dennoch begeben wir uns desselben aus bloßer Verachtung. Denn, was für eine Lust reizet uns zur Gotteslästerung an, wenn es nicht etwa selbst die Lust ist, die wir an der Beleidigung finden? Als man den Philosophen Antisthenes zu den Geheimnissen des Orpheus einweihte, und der Priester zu ihm sagte, dass diejenigen, die sich diesem Dienste widmeten, nach ihrem Tode ewige und vollkommene Güter zu hoffen hätten, fragte er denselben (a): Warum stirbst du denn also nicht selbst, wenn du dieses glaubest? Diogenes antwortete seiner Art nach ungestümmer, und nicht so geschickt zu unserer gegenwärtigen Materie, dem Priester, der ihm ebenfalls vorpredigte, dass er zu seinem Orden übertreten sollte, damit er dadurch die Güter der zukünftigen Welt erlangte (b): Willst du mich bereden, dass Agesilaus und Epaminondas, die so große Männer, werden dereinst elend, und du armer Schöps hingegen, ungeacht du nichts taugliches tust, wirst glücklich sein, weil du ein Priester bist? Wenn die großen Verheissungen von der ewigen Seligkeit nur eben so viel bei uns gälten, als eine philosophische Betrachtung: so würden wir uns nicht so sehr vor dem Tode entsetzen, als wir wirklich tun.

 

Non iam se moriens dissolui conquereretur

Sed magis ire foras, vestemque relinquere vt anguis

Gauderet, praelonga senex aut cornua ceruus. (c)

 

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(a) Diogenes Laërtius in Vita Antisthenis L. VI. Segm. 4. ti oun, ephê, ouk apothnêskeis.

(b) Id. in Vita Diogenis Cynici. L. VI. Segm. 39.

(c) Wir würden uns bei dem Tode nicht über unsere Auflösung beschweren, sondern uns freuen, dass wir in Freiheit gesetzt werden, und wie eine Schlange die Haut, oder wie ein alter Hirsch die hohen Geweihe, ablegen. Lucret. L. III. v. 62.


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