Die Gewalt des Gewissens


Als mein Bruder, der Herr de la Brousse, und ich, während unserer bürgerlichen Kriege, einmal mit einander reisten, so begegnete uns ein Edelmann von gutem Ansehen. Er war von unserer Gegenpartei; aber ich wußte es nicht, weil er sich verstellte. Das schlimmste bei dergleichen Kriegen ist dieses, dass die Karten so sehr gemischt sind, weil sich unser Feind durch kein einziges merkliches Kennzeichen, weder durch die Sprache, noch durch die Gebärden von uns unterscheidet, sondern nach eben den Gesetzen, Sitten, in eben dem Lande erzogen ist, und also Verwirrung und Unordnung dabei schwerlich zu vermeiden sind. Dies machte, dass ich mich selber fürchtete, wir möchten an einem Orte, wo wir nicht bekannt wären, auf unsere Völker stossen, weil ich nicht gerne den Verdruß haben wollte, meinen Namen anzugeben, und wohl gar was schlimmeres zu erfahren. So ist es mir ehedem schon ergangen: denn durch einen dergleichen Irrtum verlor ich so wohl Leute als Pferde, und unter andern brachte man mir einen Pagen elendiglich um, der ein Italienischer von Adel war, und den ich sorgfältig erzog; welcher das Leben in einer sehr schönen und hoffnungsvollen Jugend einbüßte. Allein dieser Edelmann fürchtete sich so erstaunlich davor, und tat so ängstlich, so oft uns Leute zu Pferde begegneten, oder wir durch Städte mußten, die es mit dem Könige hielten, dass ich endlich mutmaßte, er müßte ein unruhiges Gewissen haben. Dieser arme Mensch glaubte, man würde durch seine Maske, und durch die Kreuze auf seinem Steifrocke hindurch, in sein Herz sehen, und seine geheime Gesinnungen darinnen lesen. So wunderbar ist die Gewalt des Gewissens. Es macht, dass wir uns selbst verraten, anklagen und bestreiten; und führt uns, wenn kein fremder Zeuge da ist, selbst wider uns zu zeugen auf

 

Occultum quatiens animo tortore flagellum. (a)

 

Folgende Erzählung führen schon die Kinder im Munde. Als dem Bessus ein Pöonier (b) vorgeworfen wurde, er hätte ein Nest Sperlinge mutwillig herunter geworfen, und sie umgebracht, sagte er, er hätte Recht dazu gehabt, weil diese kleine Vögel nicht aufhörten, ihn fälschlich eines an seinem Vater verübten Mordes zu beschuldigen. Dieser Vatermord war bis dahin verborgen und unbekannt geblieben; aber die rächenden Furien des Gewissens machten, dass ihn derjenige, welcher die Strafe dafür leiden sollte, selbst an Tag bringen mußte.

 

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(a) Indem es uns heimlich martert, und selbst unser Henker wird, Juuenal. Sat. XIII. v. 195.

(b) Plutarch. de sera Numinis vindicta.


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