Die Tiere entdecken einander ihre Gedanken, so gut als Menschen


Wir müssen nur auf die Gleichheit, die zwischen uns und ihnen ist, Achtung geben. Wir verstehen mittelmäßig, was die Tiere haben wollen; und fast eben so gut verstehen auch uns die Tiere. Sie schmeicheln, sie drohen, sie ersuchen uns: und dieses tun wir auch gegen sie. Übrigens sehen wir sehr deutlich, dass unter ihnen ein vollkommenes Verständnis ist; und dass nicht nur diejenigen, die von einerlei Art sind, sondern auch Tiere von verschiedenen Arten, einander verstehen.

 

Et mutae pecudes et denique secla ferarum.

Dissimiles fuerunt voces variasque cluere,

Quum metus aut dolor est, aut quum iam gaudia gliscunt. (a)

 

Aus einem gewissen Bellen des Hundes erkennt das Pferd, dass er zornig ist; vor einer andern Stimme von ihm entsetzt es sich nicht. Selbst bei denjenigen Tieren, die keine Stimme haben, können wir aus den gegenseitigen Dienstbezeigungen leichtlich schließen, dass sie durch irgend ein anderes Mittel ein Verständnis mit einander unterhalten müssen. Ihre Bewegungen reden.

 

Non alia longe ratione atque ipsa videtur

Protrahere ad gestum pueros infantia linguae. (b)

 

Warum geht dieses alles nicht eben sowohl an, als dass unsere Stummen mit einander disputieren, Schlüsse machen, und Geschichte durch Zeichen erzählen? Ich habe unterschiedliche gesehen, die hierinnen so geschickt und fertig waren, dass sie sich in der Tat vollkommen verständlich erklären konnten. Die Verliebten zürnen, versöhnen sich wieder, bitten, danken einander, bestellen einander, und sagen einander alles mit den Augen.

 

 

E'l silentio ancor suole

Hauer prieghie parole. (c)

 

Was tun wir nicht alles mit den Händen? Wir ersuchen, versprechen, rufen, beurlauben, drohen, bitten, flehen, verneinen, versagen, fragen, bewundern, zählen, bekennen, bereuen, fürchten, schämen, zweifeln, unterweisen, befehlen, reitzen, ermuntern, schwören, bezeugen, beschuldigen, verdammen, sprechen los, schimpfen, verachten, trotzen, zürnen, schmäucheln, loben, segnen, demütigen, spotten, versöhnen, empfehlen, erhöhen, empfangen, erfreuen, beklagen, betrüben, verzweifeln, erstaunen, rufen aus, schweigen stille. Wir verändern und vervielfältigen die Bewegungen derselben so gut, als die Bewegungen der Zunge. Mit dem Kopfe rufen wir, und fertigen auch wieder ab. Mit dem Kopfe bekennen, leugnen, widersprechen, bewillkommen, ehren, verehren, verachten, fordern, verweigern, erfreuen, trauren, liebkosen, schelten, trotzen, ermahnen, drohen, versichern, fragen wir? Was tun wir nicht mit den Augenbrauen? Was nicht mit den Schultern? Alle Bewegungen reden, und zwar eine ohne allen Unterricht verständliche Sprache, eine ganz gemeine Sprache. Hieraus ist zu schliessen, wenn man die Verschiedenheit und den mannigfaltigen Gebrauch der andern Sprachen betrachtet, dass diese hier der menschlichen Natur gemäßer sein muß. Ich übergehe dasjenige, was besonders die Not denenjenigen geschwind davon lehrt, die es brauchen: sowohl als die Fingeralphabete, und Sprachlehren in Gebärden, nebst den Wissenschaften, welche bloß durch dieselbigen ausgeübt und ausgedrückt werden. Ich will auch derjenigen Völker nicht gedenken, von denen Plinius sagt (d), dass sie gar keine andere Sprache hätten. Als ein Abgesandter der Stadt Abdera lange vor dem Könige zu Sparta, Agis, geredet hatte, und ihn endlich fragte: Nun Herr, was soll ich unsern Bürgern für eine Antwort bringen? so antwortete dieser (e): Dass ich dich alles, was du gewollt hast, und so lange du gewollt hast, habe sagen lassen, ohne ein einziges Wort zu reden. War dieses nicht ein redendes und sehr verständliches Schweigen?

 

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(a) Die unterschiedlichen Tiere, sowohl die zahmen als die wilden, bringen unterschiedene Töne hervor, nachdem entweder Furcht, oder Schmerz, oder Freude in ihnen wirken. Lucretius. L. V. v. 1059 u. f.

(b) Nicht viel anders, als wie das Unvermögen der Zunge die Kinder ihre Zuflucht zu den Gebärden zu nehmen zwingt. Eb. Das. v. 1019. u. f.

(c) Das Stillschweigen selbst hat seine Sprache. Es kann bitten, und sich verständlich machen. Aminta del Tasso. Atto II nel Choro. v. 34. 35.

(d) Hist. Nat. L. VI. C. 30. Quibus pro sermone nutus motusque membrorum est.

(e) Plutarch. Apophthegm. Lacon. unter dem Worte Agis Sohn des Archidamus.


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