Tell sagt


England ist nicht bedroht, keine Hand streckt sich nach seinem Besitze aus, und nie ist von Deutschland gefordert worden, was dem britischen Reiche gehört. England ist Angreifer und nicht Verteidiger. Tell sagt, jeder geht an sein Geschäft und meines ist der Mord.

Dieses höchst israelitische Komma, das eine indirekte Rede als direkte einleitet, ist hier geradezu der Ausgangspunkt zu einer Katastrophe. Man muß sich das von einer schmalzigen Zunge nur so hingewälzt vorstellen. Meines ist der Mord, das heißt, nicht meines, sondern seines, das heißt nicht seines, sondern Teils, das heißt nicht Teils, sondern Englands. Aber was heißt Englands? England ist Angreifer und nicht Verteidiger. Tell sagt, er ist Verteidiger und nicht Angreifer. Denn er sagt doch, die armen Kindlein, die unschuldigen, das treue Weib muß ich vor deiner Wut beschützen, Landvogt. Wenn England Tell wär', wär' Deutschland Geßler, während wir doch bisher gelernt haben, England ist Geßler und Deutschland ist Tell. England sagt, es will jeden, der an sein Geschäft geht, morden. Also ist England nicht Tell. Tell sagt, ich lebte still und harmlos, du hast aus meinem Frieden mich herausgeschreckt. Also ist England nicht Tell, sondern konträr Geßler. Tell sagt, in pures Drachengift hast du die Milch der frommen Denkart mir verwandelt. Das ist Verderbtheit. Also ist nicht England Tell, sondern konträr Deutschland. Tell sagt, entränn' er jetzo kraftlos meinen Händen, ich habe keinen zweiten zu versenden. Also könnte zwar wegen Munitionsmangel in England England Tell sein, aber das weitere stimmt wieder nicht, wo er sagt, an euch nur denkt er, liebe Kinder, euch zu verteid'gen, eure holde Unschuld zu schützen vor der Rache des Tyrannen, will er zum Morde jetzt den Bogen spannen. Und außerdem sagt Tell, gilt es das Herz des Todfeinds, der mich will verderben, und was die Vorbereitung betrifft, sagte er, mein ganzes Leben lang hab' ich den Bogen gehandhabt, mich geübt nach Schützenregel, während England doch erst den Militarismus nachholen muß und sich darum mit Schmach bedeckt vor Europa. Wie stehts aber mit dem Geschäft? Tell sagt, hier geht der sorgenvolle Kaufmann, der düstre Räuber und der heitre Spielmann, womit er vielleicht auf die Armeelieferanten und auf Edmund Eysler anspielen will, denn jede Straße führt ans End' der Welt, also nach dem Orient und sie alle ziehen ihres Weges fort an ihr Geschäft und meines ist der Mord. Tell sagt mit Bedauern, jeder geht an sein Geschäft, nur ausgerechnet er nicht, Tell mordet keinen, der an sein Geschäft geht, sondern den Geßler, der jeden, der an sein Geschäft geht, mordet. Also ist England nicht Tell, denn England mordet jeden, der an sein Geschäft geht, sondern Geßler. Wenn also Tell sagt, so meint er anders, und in Wirklichkeit stellt sich die Situation so dar, Deutschland ist der sorgenvolle Kaufmann, der, man kann sich vorstellen, ruhig an sein Geschäft geht, und England ist Geßler, während die Rolle des Wilhelm Tell teilweise unbesetzt bleiben muß, da doch England mordet und nicht Deutschland und Deutschland gegen die Tyrannei aufsteht, aber nicht England. Englands Geschäft ist nicht der Mord, sondern der Mord ist sein Geschäft. Deutschland sagt, es kann der Frömmste nicht im Frieden bleiben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt. England macht seine Rechnung, und Tell sagt, mach deine Rechnung mit dem Himmel, Vogt. England ist nicht bedroht. Tell sagt, noch lebt ein Gott, zu strafen und zu rächen. Hier fällt uns das Wörtchen »noch« auf und das Auge bohrt sich hinein in den Tell-Monolog und jetzt werden sie zu hören bekommen und der Schrecken breitet sich aus und Attinghausen hat gesagt, seid einig. Woraus auch für den Laien klar hervorgeht, welche Verwirrung entsteht, wenn Tell sagt und Benedikt schreibt, und wie wenig man auf die Tellsage geben kann, die höchstens wert ist, unter dem Titel verlautbart zu werden: Voraussichtliches Kommen Geßlers durch die hohle Gasse und unbestätigte Gerüchte über den bevorstehenden Heldentod Geßlers durch Tell bei Küßnacht und Hineinwerfen in den Vierwaldstättersee, und mit dem Untertitel: In den heutigen Schweizer Blättern.

 

 

Oktober, 1916.


 © textlog.de 2004 • 22.10.2017 17:39:42 •
Seite zuletzt aktualisiert: 16.01.2007 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright Die Fackel: » Glossen » Gedichte » Aphorismen » Notizen