Conrad von Hötzendorf


— wie Trateratata klingt das, haben uns die Feuilletonisten oft und oft erzählt, wenn sie so um das Lagerfeuer saßen und von gewonnenen Schlachten träumten. Das mag alles sehr berechtigt sein, denn kein Name ist unverdient. Nur muß man sich ihn verdienen. Einer, der etwa Kotschitschka von Lilienfeld hieße, hätte es schwerer, aber der erste Sieg gäbe dem Namen Pathos. Hinwieder kann oft eine Trompete zu früh losgehen. Mit Recht hat der sogenannte Conrad von Hötzendorf einem Interviewer gesagt, dass man einen Feldherrn eigentlich erst nach seinen Taten beurteilen könne. Nur hatte er nicht Recht, es einem Interviewer zu sagen. Er ist wahrscheinlich der bedeutendste Feldherr aller Zeiten und niemand würde ihm persönlich einen Vorwurf aus dem Frieden machen, der ihn verhindert, es zu beweisen, wenn er nicht gerade vor dem Vertreter des Neuen Wiener Tagblatts bescheiden wäre. Sonst kennt man ja von ihm wirklich nicht viel mehr als dieses Interview. Richtig: noch eine Zuschrift an die Neue Freie Presse. Zwar nur achtungsvoll, aber doch eigenhändig. Und kann man sich denn sonst gar kein Bild von ihm machen? Oh doch, im ›Interessanten Blatt‹, in der ›Woche‹, in den ›Wiener Bildern‹ ist es bereits zu sehen. Nun, werden die Beschützer eines großen Feldherrn sagen, berühmte Männer kommen da eben hinein, ob sie wollen oder nicht. Denn wenn es auch ein Recht am eigenen Bilde gibt, so können berühmte Männer doch nicht verhindern, dass sie zwischen Wer weiß etwas?, einer Probiermamsell, Herrn Treumann und dem deutschen Kaiser auf der Sauhatz ihren Platz finden. Freilich könnte man antworten, es komme darauf an, wie sich die berühmten Männer photographieren lassen und ob sie schon bei der Aufnahme gewußt haben, für welchen Zweck sie bestimmt sei. Wenn Wilhelm II. eigenhändig dem Tier den Genickfang gibt, so steht ein Photograph auf dem Anstand und jener — sagen wir — kann nichts dafür. Er ist unschuldig wie der Hirsch. Es war ein Moment. Dichter lassen sich — mit Ausnahme des Herrn von Hofmannsthal, der ein Buch liest — nicht bei der Arbeit photographieren. Wie nimmt man Generalstabschefs auf? Ich schlage vor: Brustbild, ganz ungezwungen, ein freundliches Gesicht, auch wenn es draußen wettert. Aber um Gotteswillen nicht so: »Der österreichisch-ungarische Generalstabschef Conrad von Hötzendorf beim Studium der Balkankarte!« Das ist doch beinahe Verrat militärischer Geheimnisse! Auch nicht so: »Der Chef des Generalslabs G. d. I. Conrad von Hötzendorf studiert mit seinem Flügeladjudanten Major Rudolf Kundmann die Balkankarte.« Ja, wie macht man das? Nun, der Chef des Generalstabs sitzt auf einem Tisch, neben ihm steht der Major und beide starren auf die Balkankarte. So sieht das also aus, wovon der Ruhm kommt? Wer hat den Photogra-phen ins Zimmer gelassen? Warum haben sich die Herren nicht im Studium der Balkankarte unterbrochen, als der Photograph kam? Ist es denn möglich, dass sie, als der Photograph kam und etwas Apartes machen wollte, das Studium der Balkankarte erst begonnen haben? Nun, trotzdem kann ja noch immer eine Schlacht unter Conrad von Hötzendorf mit einem glänzenden Sieg enden, kein Zweifel. Aber die Feinde hätten doch noch mehr Angst, sie lebten jedenfalls mehr in der Ungewißheit, wenn sie nicht Gelegenheit hätten, den österreichisch-ungarischen Generalstabschef Conrad von Hötzendorf beim Studium der Balkankarte zu sehen. Man soll das nicht so herzeigen, man soll nicht. Hat man einen Kopf, so genügt Brustbild. Hat man keinen, so nützt die Balkankarte auch nichts, im Gegenteil. Und darunter steht: »Zum Wechsel in der Leitung des österreichisch-ungarischen Generalstabes«. Ja, wie war das also früher? Hat der frühere Generalstabschef nie die Balkankarte studiert? Oder anders? Wird's jetzt ernst? Gewiß, die Herren Schemua und Auffenberg haben sich durch ihren Verkehr mit Humoristen, Fakiren und Journalisten nicht vertrauenswürdig gemacht; es ist nicht gut, wenn von hohen Militärs zu viele Leute behaupten können, dass sie sie persönlich kennen. Von Conrad von Hötzendorf hatte man nur den Schall, kein Gerücht. Es war nicht angenehm, dass sein Name öfter von dienstuntauglichen Leuten mit einer Trompete verglichen wurde. Aber sei's drum, und wenn die Trompete statt der Kanone losging, er konnte noch immer der tüchtigste Feldherr sein. Er ist es wahrscheinlich. Aber vom bulgarischen Generalstabschef haben uns die Plauderer erzählt, wie er bei der Nachtlampe arbeite. Sie haben es nicht gesehn, sie haben es gehört. Kein Photograph wurde ins Zimmer gelassen, und trotzdem gab es bulgarische Siege. In Österreich wurde es ernst. Da wurde Conrad von Hötzendorf Generalstabschef. Da studierte er die Balkankarte. Da siegte am Hofe die Friedenspartei und da trat der Hofphotograph Scolik ein. »Eine kleine Spezialaufnahme wenn ich bitten darf —!« »Für die Weltgeschichte?« »Nein, für das interessante Blatt.« »Aha, zur Erinnerung an die Epoche!« »Ja, für die Woche.« »Ich bin aber grad beim Studium der Balkankarte —« »Das trifft sich gut —« »Wirds lang dauern?« »Nur einen historischen Moment wenn ich bitten darf —« »Soll ich also das Studium der Balkankarte fortsetzen?« »Gewiß Exzellenz, setzen ganz ungezwungen das Studium der Balkankarte fort — so — ganz leger — nein, das war' unnatürlich — der Herr Major wenn ich bitten darf etwas weiter zurück — nein, nur ganz ungeniert — kühn, bitte mehr kühn — es soll eine bleibende Erinnerung an die ernsten Zeiten sein — so ists gut, nur noch — bisserl bitte — so — machen Exzellenz ein feindliches Gesicht! — jetzt — Ich danke.«

 

 

Januar, 1913.


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