Wie ein König, mit Bomben beladen, wie ein Gott!


»... Heute morgen habe ich einen feinen Flug, meinen dritten, über Verdun gemacht. Um ½10 Uhr bei schlechtem Wetter aufgestiegen, flog ich über Gravelotte, Amanweiler, Saint-Privat, Sainte-Marie-aux-Chenes — über der berühmten Pappelallee — und Briey an der Maas, dann südlich über Verdun, wo ich zwanzig Minuten gekreist bin und meine Bomben abgeworfen habe, herunter nach Dupuy, Etain und nach ... zurück, wo ich um 12 Uhr landete. Es war die ganze Zeit über sehr bedeckter Himmel, so dass ich, wenn ich etwas sehen wollte, sehr niedrig fliegen mußte. Ich war nie höher als zweitausend Meter und über Verdun einmal sogar nur achtzehnhundert Meter. Es war ein eigenes Gefühl für mich, wie ein König, mit Bomben beladen, über dasselbe Gelände zu fliegen, wo mein Vater schon vor sechsundvierzig Jahren gekämpft und sich das Eiserne Kreuz erworben hat. Ich konnte jedes Haus von Saint-Privat ganz deutlich sehen, jeden Baum an der Chaussee nach Sainte-Marie erkennen, und das alte berühmte Schlachtfeld lag wie ein Spielzeug unter mir. Wenn ich meine Bomben geworfen hätte, hätte ich das halbe Dorf kaput machen können! Über Verdun wurde ich sehr stark beschossen — ich hatte zwei Treffer von Schrapnellkugeln im rechten Tragdeck, wie ich hernach festgestellt habe. Ich warf alle meine Bomben wohlgezielt ab und sah, wie sie unten auseinanderkrachten! Dann zählte ich noch die Brücken über die Maas und flog glücklich nach Hause. Noch nie in meinem Leben habe ich etwas so Herrliches erlebt! Über alles Irdische erhaben, ruhig und sicher dahinfliegend, kommt man sich wie ein Gott vor! Tief unten auf der Erde lag es wie ein Kranz von Rauch um die Stadt: nichts als krepierende Granaten. Die Brände lohten zum Himmel auf, die ganze Erde war zerwühlt und aufgerissen — ein schauriger Anblick! Sonst sieht die Erde wie ein Spielzeug aus, grüne Wiesen und Wälder wechseln mit dem braunen Acker und darin liegen die Dörfer wie weiße und rote Flecken. Hier ist alles öde und grau, als ob ein Strom von Lava über das Land geflossen wäre. Auf der Erde Loch bei Loch, in den Dörfern Rauchsäulen; das Aufblitzen der platzenden Geschosse folgt unmittelbar dem Feuerschein und Getöse der großen Geschütze, und überall Dampf, Rauch und Feuerbrände — eine Hölle! — Und dann denkt man an die Soldaten, die da unten kämpfen und sich jeden Meter blutig erobern müssen, und an die Verluste! — und ich? Wie ein Gott schwebt man über all diesen Schauern und schleudert seine Blitze auf den Feind! Man denkt an keine Gefahr, fliegt ruhig seine Bahn und tut seine Pflicht.

 

 

April, 1916.


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