Gebt Feuer, ihr Berge! Speit!


»Wieder einmal nimmt das Wiener Kaffeehausleben eine Umgruppierung vor .... die Begriffe Semmel, Kipfel, Baunzerl .... gelbes Kriegsweckerl .... bis die Wiener Cafetiers auch diese Position aufgeben mußten .... Und während draußen unsere Helden stürmen und siegen, standhalten und erobern, nahm die bürgerliche Defensive des Wiener Kaffeehausgastes ihren nicht immer erwünschten, aber wirtschaftlich-strategisch höchst notwendigen Fortgang .... das Schlagobers, das üppig und lockend die Wiener Melange zur kulinarischen Sehenswürdigkeit erhob, wurde glattweg konfisziert, und nun ist eine ganz neue Linie bezogen worden .... Die Nachmittagsjause ist auf unbestimmte Zeit beurlaubt. Heute hatten die Wiener Kaffeehäuser ihre melangelose Premiere. Wenige Minuten vor 2 Uhr .... noch ein »Kapuziner« oder eine Melange »mehr dunkel« oder eine »Obers gespritzt« serviert, punkt 2 aber ein derartiges Begehren mit einem, je nach der Gemütsart des Kellners bedauernden oder ironischen Achselzucken verweigert. Und als späterhin einige Gäste in wenig geschmackvoller Weise das Milchverbot umgehen wollten, indem sie ihren Schwarzen durch mitgebrachte Milch zu einem Weißen machten, wurde ihnen klargemacht, dass auch dies nicht erlaubt sei. Der Wiener Kaffeehausgast hat aber auch die neueste Probe auf seine Bereitschaft zum Durchhalten vortrefflich bestanden .... Denn schließlich gehen ja doch die meisten Wiener, Herren und Damen, in erster Linie der Gesellschaft halber, um Zeitungen zu lesen, um eine Ruhepause zu genießen, um zu plauschen und zu politisieren, ins Café, das ja bei uns weniger »Lokal« als Klub ist. Ganz schlaue Leute aber .... wußten sich heute schon zu helfen. Sie erschienen später als sonst, erklärten dem Markör, dass sie noch warten wollen, und bestellten dann pünktlich eine Minute vor 7 Uhr: »Markör, eine Teeschale Melange, sehr licht

Nein, Doppelschlag!

 

 

April, 1916.


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