Der Wille zur Macht


»Die Kriegsmillionäre werden von Franz Molnár folgendermaßen geschildert: ›Ich sah dies neue Budapester Publikum, wie es in Restaurants Tausendkronennoten zählte, Hundertkronennoten in Päckchen reihte. Ich sah, wie Leute zwischen Suppe und Mehlspeise einander zehn bis fünfzehn Tausendkronennoten übergaben und dann weiter aßen ... Andere haben noch schönere Dinge beobachtet. Die alte Logenschließerin des Nationaltheaters sah, dass während einer Shakespeare-Vorstellung in einer der teuersten Logen Leute saßen, die Papier auf die Brüstung breiteten und auf dieses Papier Salamispalten und Gurken legten. Dieser Anblick erregte Aufsehen im Theater. Eine bejahrte Logendame im Vordergrund machte dieses neue Publikum, das sich auf die Eßware stürzen wollte, darauf aufmerksam, dass man den roten Samt der Brüstung nicht beschmutzen dürfe. Doch das neue Publikum erklärte, es hätte die Loge bezahlt und könne nunmehr darin tun, was ihm beliebe.‹«

Die Loge bezahlt? Die Welt aller Ränge bezahlt! Und die hiesigen beliebten Feuilletonisten sagen es also auch? »Es sagen 's aller Orten alle Herzen unter dem himmlischen Tage, jedes in seiner Sprache; warum nicht ich in der meinen?« Und ich wundere mich nur, dass es in Budapest Auf-sehen erregt. Salamipapier auf Logenbrüstungen — das ist doch Wurst. Das ist doch ehrlich. Schlimmer wird das nachfolgende Stadium der Kultur sein, und auch das hat Budapest schon hinter sich.

 

 

August, 1916.


 © textlog.de 2004 • 17.12.2017 16:54:26 •
Seite zuletzt aktualisiert: 15.01.2007 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright Die Fackel: » Glossen » Gedichte » Aphorismen » Notizen