Bevor der Humor in seine Rechte trat


was er bei den Humorlosen immer tut, ist es laut Programm sehr weihevoll im Künstlerhaus zum Sylvester zugegangen. Denn der Sylvester, also wie das ist, wenn ein Jahr auf das andere folgt, nämlich das junge auf das alte, ist ein Problem, das echte Künstlernaturen noch immer bewegt, so dass sie nicht anders können, sondern müssen. Da tritt dann plötzlich — der Humor war eigentlich schon früher in seine Rechte getreten — eine bange Pause ein, man hört das Herz der Zeit klopfen und der Vorstand Ritter v. Weyr, der Schöpfer der »Macht zur See«, jenes monumentalen Werkes, durch das man direkt vis-à-vis dem Kohlmarkt an das Walten der Elemente erinnert wird, indem dass nicht nur ein empörter Hilfsämterdirektor den Dreizack schwingt, sondern auch der obstinate Amtsdiener Wotruba den Akt nicht holen will, also er erhebt sich und hält eine ebenso hinreißende wie formvollendete Neujahrsrede. Er spricht vom Jubeljahr der Künstlergenossenschaft und macht darauf aufmerksam, dass es »in dieser mitternächtigen Stunde zu den Schatten schwindet und uns nur den Abglanz in der Erinnerung zurückläßt«. Schon bei dieser Stelle wird den Künstlern so quisiquasi zumute und ein Aquarellist möchte die Stimmung festhalten und läßt sich zu einem »Prost!« hinreißen. Aber ein »Stilentium!« aus der Runde der feuchtfröhlichen und dennoch die Weihe des Augenblicks erfassenden Gesellen weist ihn zurecht und der Schöpfer der Macht zur See fährt fort: »... trat die Wiener Seele mit allen Reizen ihrer Unmittelbarkeit an uns heran und schmückte uns zu einem Feste, das unsere bescheidene Absicht weit überbot«. Die Wiener Seele mit allen Reizen ihrer Unmittelbarkeit, die auch an mich herantritt und Fahr'ma sagt, worauf ich jedesmal zum Nordwestbahnhof fahre und von dort nach Berlin, sie »warf ein Kleid uns um die Schultern, wie wir es kostbarer nicht ersinnen konnten«. Es war nämlich — ostentativ gegen Poiret — »aus Sympathie und Wohlwollen gewoben«. Ohne Zweifel. Was im Künstlerhaus an den Wänden hängt, hat noch nie vergebens an die Sympathie und an das Wohlwollen der Wiener Seele appelliert. Denn die Bilder, die sie malen, sind fast so schön wie die Bilder, die sie sprechen. »Wie eine Taubenschar«, sagt der Vorstand, »umflatterten die Genien der Freude unser Heim und Blüten über Blüten der freundlichsten Gesinnung überdeckten es bis an den Giebel.« Das Gleichnis stimmt aber insofern doch nicht, als von einer Taubenschar alles eher als Blüten der freundlichsten Gesinnung zu erwarten sind, während wieder nicht von den Genien der Freude der viele Dreck auf die Bilder kommt. Aber spreche einer mit Künstlern, die ihr fuchzigjähriges Jubiläum hinter sich haben! Versuche es einer, ihnen auszureden, dass die Genien unterstützende Mitglieder der Künstlergenossenschaft sind! Der Mai ist so wundervoll gewesen, glaubt der Vorstand, weil ein Verein jubiliert hat. Der Himmel hat ein Einsehen gehabt, »und es konnte sich niemand wundern, wenn sich der Wunsch auf unsere Lippen drängte: Sonne, stehe still, damit wir diese Freuden voll und ganz genießen können«. Aber die Sonne nahm Abstand, dieses Wunder im Wiental zu verrichten, sie beeilte sich im Gegenteil unterzugehen, denn es grauste ihr vor jenen Gschnasfesten, wo Künstler ihre Freuden voll und ganz genießen. Trotzdem fürchtet der Vorstand, dass die Künstlergenossenschaft sich »nicht mehr werde überbieten« können, und hofft nur, dass »die Genien unseres Jubeljahres uns ermuntern werden«. Dazu ist es aber unerläßlich, dass man endlich dieser Genien habhaft wird, und es ist einfach ein Skandal, dass das Extrablatt, welches doch so häufig goldene Hochzeiter — Ehre wem Ehre gebührt — abbildet, noch nicht die entsprechenden Genien gebracht hat. Ich möchte zum Beispiel fürs Leben gern einmal den Genius des Herrn Ameseder zu Gesicht bekommen. Auch der des Herrn Veith muß ein sympathischer Genius sein. »Wir wollen«, rief aber der Vorstand, »aus unserer eignen Kraft unser Herz erheben zu immer höheren Zielen, um in dem Kampf der Geister stets unter den Vordersten zu sein«. Was für ein Kampf der Geister? Was gibts da für einen Kampf der Geister, wenn der Bankier Teitelbaum eine Landschaft bestellt, die zum Sofa paßt? Wir wollen also. Und »in dieser Absicht soll uns nichts behindern, selbst wenn wir Unfreundlichkeit auch fernerhin begegnen — wir wollen geizen mit dem Augenblick, den wir damit verlieren würden, sie zu erwidern, und unser Ziel im Auge behalten«. Die Unfreundlichkeit, das bin ich. Aber das bin ich nicht! Tadle ich denn die vielen anderen Genossenschaften, die es gibt und die nicht vom Genius reden? Die auch ihre Berufsinteressen wahrnehmen, auch ihre Ausschußsitzungen und Vergnügungsabende haben, bei besonderen Gelegenheiten gewiß auch in den Phrasen sprechen, die ihnen das preßverjauchte Zeitalter in den Mund gestopft hat, aber doch, weiß Gott, sich nicht zu der Verkündung versteigen: »Gewappnet werden wir die Gaben des entschwundenen Jahres wie ein goldenes Vließ bewachen, damit keine Argonauten künftiger Zeiten es uns rauben, aber wir werden auch unsern Blick schärfen, damit wir die Truggestalt der Selbstzufriedenheit erkennen, denn nur die Selbstkritik kann uns den Sinn gewinnen, die Flüstertöne einer werdenden Zeit deutlich zu vernehmen.« Die Künstlergenossenschaft soll sich nur nicht darum reißen; denn was sie diesen Flüstertönen entnehmen könnte, wären günstigsten Falles Urteile wie: »Der letzte Kitsch«, »Weg mit den Schinken!«, »Ramt's m'r die Toten weg!«, und was das goldene Vließ anlangt, so ist der Vergleich nur insofern glücklich, als die Argonauten die Vertreter der Kultur sind und die Mitglieder der Künstlergenossenschaft im dunkelsten Kolchis wohnen, wenn anders sie nicht das goldene Vließ mit der goldenen Salvatormedaille verwechseln. Mit dieser Auffassung in Widerspruch steht aber die Versicherung des Vorstands, dass »die Welt immer offener und freier wird, immer inniger durchdringen sich die Geisteswerte verschiedenster Kulturen, die einander befruchten und immer neue Erkenntnisse gebären. Sie zu ignorieren wäre Selbstvernichtung, doch sie im Keime zu erlauschen, sichert uns die Zukunft. Wir wollen diese Schätze heben, um durch sie das Inventar des geistigen Besitzes unseres Volkes zu vermehren«. So ungefähr, nur etwas weniger geschwollen, haben eigentlich die Argonauten gesprochen, die Vereinsmeier aber verstehen unter der Welt die »Alte Welt« und Kolchis ist ihre »Grüne Insel« und in der Schlaraffia läßt sichs wohl leben und was fangen sie mit dem angebrochenen Abend an? Sie wollen »wehrhaft auf den Zinnen stehen«. Auf was für Zinnen? Wo wird schon wieder gekämpft? Dass doch immer die, die nicht malen oder nicht schreiben können, im letzten Moment glauben, kämpfen zu müssen. Sie wollen sich offenbar nicht wehrlos ergeben, wenn andere kommen, die nur malen oder schreiben können. Wer nicht begabt ist, muß gewappnet sein. Sie können nichts; aber man soll nicht sagen, dass sie nicht Mann für Mann dafür eingestanden sind. Da sei Gott vor. Und der Vorstand »schloß mit einer begeisterten Apostrophe an den Lenker der Geschicke, den rechten Weg stets erkennen zu lassen, damit unsere Epigonen dereinst in gleicher Verehrung auf uns blicken, wie wir auf die, die uns vorangegangen«. Da scheint sich eine angenehme Generation herauszuwachsen. Es wird Kasparides-Epigonen geben und mir wem nimmer leben. Was aber die begeisterte Apostrophe an den Lenker der Geschicke der Künstlergenossenschaft betrifft, so wird es immer klarer, dass nicht Gott, sondern geradezu der Truchseß Dobner von Dobenau gemeint sein muß ... Und schon lese ich den Namen. Hier aber geht die Weihe endlich in den Humor über, der bereits ungeduldig trampelt, um in seine Rechte zu treten. »Die tiefe Bewegung, in welche die Versammlung durch die Rede Weyrs versetzt worden war, ebbte nur langsam ab; sie brauchte einige Zeit, bis sie wieder der Sylvesterulkstimmung wich, die den Abend über herrschte.« Das alte Jahr war zu den Schatten geschwunden, da kam der Humorist Grünbaum mit neuen Nummern und ließ die Flüstertöne einer werdenden Zeit deutlich und mit ganz bestimmtem Tonfall vernehmen. Aber dann »lief das Hauptstück des Abends, durchaus Eigenbau der Genossenschaft vom Stapel«. Aha, das Schiff der Argonauten, Macht zur See, Ebbe, Kultur, Kampf der Geister? Ja, beim Backen! Was viel Schöneres. »Maler Koch, Bildhauer v. Lewandowski und Architekt Seidl (von den Malern Nowak, Ranzoni und Architekt Theiß bis zur Täuschung kopiert), führten tiefsinnige Sylvestergespräche, warfen das verhutzelte alte Jahr (Maler Lang) zur Tür hinaus und begrüßten mit Jubel das berückend schöne neue Jahr (Bildhauer Fänner in verführerischem Kostüm).« Halt! Der saß früher einmal auf einem Einspännerpferd! Warum diesmal nicht? Und was soll das Ganze? »Das junge Jahr 1912 enthüllt ihnen den Ausblick auf den — Mäzen.« (Die Vertreter der Presse machen einen schelmischen Gedankenstrich.) »Die Büste mit den goldbeschwerten mehreren Händepaaren ähnelte frappant Herrn v. Dobner.« Was hab' ich gesagt? Nun aber kam der Clou: »als Ranzoni an Lewandowski in dessen eigener Stimme und Redeweise eine Ansprache hielt, deren köstliche Pointe stürmische Heiterkeit weckte.« ... Ein jüngerer Kunsthistoriker, dem ich den Fall vorlegte, meinte, dass es eine symbolische Handlung sei: im neuen Jahr werden die Maler der Künstlergenossenschaft voneinander nicht zu unterscheiden sein und der eine wird den andern mit der Stimme des andern bitten, mit dem Pinsel des einen zu malen; und der Lenker der Geschicke werde es zufrieden sein; es solle ein Hauptgaudium werden. Ich aber meinte, warum man dann das alte Jahr überhaupt hinausgeworfen habe. So schön wie das neue sei es doch auch und bei fünfzig komme es nicht mehr darauf an. Während ich so sprach, trat der Humor in seine Rechte und eine Verwirrung in der Kausalität ein. Ich hörte den Lewandowski sprechen und es war der Ranzoni, einer erhob sein Glas und begehrte auf den Busen der Wienerin anzustoßen, weil darin das Schöne und das Gute jederzeit wallt, die Wiener Seele trat mit allen Reizen ihrer Unmittelbarkeit an einen Christusbart heran und man vernahm die Flüstertöne: »Gehns weg Sie Schlimmer!«, die Genien der Freude bekamen die Seekrankheit, ein Truchseß blickte zum goldenen Vließ empor, die Sonne stand still, und eine Taubenschar ließ sich auf einem Schlapphut nieder.

 

 

Januar, 1912.


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