Der Mann von fünfzig Jahren


Goldene Worte

Professor Dr. K. F. Wenckebach, der Vorstand der Ersten medizinischen Klinik in Wien, hat vor mehr als 2 Jahren, kurz nachdem er seiner Berufung nach Wien Folge geleistet hatte, einen Vortrag »Über den Mann von fünfzig Jahren« gehalten, der erhebliches Aufsehen nicht nur in der medizinischen Welt, sondern auch in Laienkreisen, vor allem aber in den Kreisen der Fünfziger erregt hat. Dieser Vortrag ist jetzt im Verlag Moritz Perles, Wien, in dritter Auflage als kleines Buch erschienen, wohl der beste Beweis, wie groß das allgemeine Interesse an der von Wenckebach angeschnittenen Frage ist, ob auch der Mann um die fünfzig herum einer schweren Störung seines Allgemeinbefindens unterworfen erscheint.

Kein Zweifel, denn es ist der Zeitpunkt, wo die Natur auf Wahrheit dringt, weil sie lange genug gewartet hat, dass aus jungen Männern alte Weiber werden. Besonders bei den deutschen Dichtern, die dazu inklinieren, fünfzig Jahre alt zu werden; und man erinnert sich noch, dass nach Ablauf der Periode, da Frau Hermann Bahr am Lido in wallenden Gewändern sich zeigte, die Epoche begann, in der der Kollege Dehmel sich einen Tschako aufgesetzt und sogar Kriegsgedichte verfaßt hat.

Nach einer allgemeinen Übersicht über die Entwicklungskrankheiten des heranwachsenden und erwachsenen Menschen geht der hervorragende Wiener Kliniker auf den fünfzigjährigen Mann als Patienten über und bemerkt: »Es fällt uns zu allererst auf, dass die Patienten fast nie dem arbeitenden Stande angehören, sondern meist besseren und besten Kreisen entstammen, und wenn man sie im allgemeinen charakterisieren soll, könnte man sagen, dass es Menschen sind, von denen das Leben viel verlangt hat, die aber auch selbst viel vom Leben verlangen.«

Gewiß, die Fünfzigjährigen verlangen vom Leben oft mehr Geld als es zu geben hat, besonders, wenn sie Medizin studiert haben. Wiewohl sie aber dem Leben mit dieser Forderung unaufhörlich nachlaufen und sich gehörig abstrapazieren, nehmen sie nicht nur an Geld zu, sondern:

»Meistens ist ein gewisser Grad von Fettsucht vorhanden, ein dicker Bauch, ein festes, pralles Fett....«

Davon kann man sich bei einem Blick auf das Hinterland überzeugen, soweit es nicht schon anderweitig mit besserem Erfolg gemustert wurde. Wenckebach konstatiert eine Arrhythmie des Pulses.

Von oft ausschlaggebender Bedeutung sei die Beruhigung des Patienten, der zweite Hauptpunkt die diätetische Behandlung, wobei es oft notwendig sei, das Körpergewicht etwas herabzusetzen. Gewöhnlich genügen aber fünf bis zehn Kilogramm im Laufe von Monaten oder einem Jahr als Gewichtsverlust. Einschränkung der Fettzufuhr, Sparsamkeit mit Zucker, nicht ausschließlich Fleisch, nicht viel Gewürze, nicht schlemmen, im Alkohol- und Tabakgenuß Mäßigkeit — dies hat Professor Wenckebach fast immer zum Ziel geführt.

Dieser Wenckebach mag sein Fach verstehen, aber man kann nicht leugnen, dass die Größe der Zeit seiner Methode wesentlich zu Hilfe kommt. Zwar läßt sich nicht leugnen, dass die jetzt ohnedies vorgeschriebene Kur, das Körpergewicht etwas herabzusetzen, der Beruhigung des Patienten geradezu entgegenwirkt, ja dass durch die Notwendigkeit, sich ihr zu unterwerfen, die Arrhythmie des Pulses noch verstärkt wird. Man hat jetzt bei Fünfzigjährigen vielfach eine Störung des Allgemeinbefindens beobachtet, die bei jüngeren Jahrgängen sogar häufig zu letalem Ausgang geführt hat. Aber Wenckebach, der kein Chirurg ist und überhaupt im tiefsten Frieden zu leben scheint, empfiehlt auch »eine vernünftige Lebensweise«, nämlich: »geistige Ausspannung und körperliche Bewegung«. Erstere ist mangels dessen, was auszuspannen wäre, schon lange mit den größten Schwierigkeiten verbunden, aber für die letztere ist jetzt hinreichend gesorgt, und wenn es ehedem die grausamste Betätigung des landesüblichen Humors war, den Dickwanst tiefe Kniebeuge machen zu sehen und lachend zu beobachten, wie der Nebenmensch nichts zu lachen hat, so sind jetzt ihrer so viele in solcher Lage, dass die schadenfrohen Zeugen fehlen. Wenckebach mag eine Kapazität sein, aber es dürfte jetzt kaum Einer seiner Ratschläge bedürfen, wo so vielen, auch jenen, die jünger oder älter als fünfzig sind, außer der körperlichen Bewegung Einschränkung der Fettzufuhr, Sparsamkeit mit Zucker, nicht ausschließlich Fleisch, nicht schlemmen, im Alkohol- und Tabakgenuß Mäßigkeit gratis ordiniert wird. Wem würde heute, wenn er in ein Gasthaus kommt, in der festen Absicht zu schlemmen, nicht von der Speisekarte selbst Einschränkung der Fettzufuhr und Maßhalten im Fleischgenuß empfohlen, von der Zuckerkarte nicht die einschlägige Diät, wem nicht von der Trafikantin selbst, die doch gewiß ein Faible fürs Rauchen hat, Enthaltung vom Tabakgenuß? Es braucht kein Wenckebach vom Katheder herzukommen, um das zu sagen. Es wären denn die Worte, die er zu sagen hat, sogenannte goldene Worte.

Und zum Schluß spricht Professor Wenckebach die goldenen Worte aus: »Wenn der Patient sieht, dass er durch eine vernünftige Lebensweise sein Wohlbefinden zurückerlangt, bekommt er Zutrauen zu seinem Arzt, zugleich aber das erhebende Gefühl, dass er kein Patient mehr ist und, von seinem Arzt nicht mehr abhängig, sein Los wieder selbst bestimmen kann. Das aber ist auch der höchste Erfolg für den Arzt, seinen Patienten so weit zu bringen, dass er den Arzt entbehren kann!«

Wenn man dazu noch bedenkt, dass bekanntlich ein guter Arzt auch ein guter Mensch sein muß und vice versa und dass somit Wenckebach der Nachfolger Nothnagels ist, so sind das entschieden Worte, die mehr Gold für den Patienten als für den Arzt haben, dessen Selbstaufopferung, wenn es einmal so weit kommt, zu den heroischesten Erscheinungen dieses Zeitalters gehört, nur vergleichbar dem Harakiri des Generals Nogi. Aber abgesehen davon, dass soeben allerorten eine »entsprechende Erhöhung der Ärztehonorare« erwogen wird, wiewohl doch schon der Tarif in Friedenszeiten Preistreiberei nicht ausgeschlossen hat, und abgesehen von der menschlichen Erkenntnis, dass am Golde alles hängt, wäre zu bedenken, dass die Weisheit der Ostasiaten in einem anderen, praktischen Glanzpunkte nachgeahmt werden könnte, ohne dass die medizinische Praxis geradezu eine Katastrophe erleiden müßte. Der Arzt kann nämlich den Patienten am Leben lassen, ohne sich umzubringen. Das Geschäft würde allerdings eine materielle Schmälerung riskieren, aber die Seele eines sittlichen Zuschusses sicher sein. Es genügt, sich statt des Heroismus nur die Weisheit der Ostasiaten zum Vorbild zu nehmen und sich einfach statt für die Krankheit für die Gesundheit honorieren zu lassen. Wenckebachs Entsagung würde kein Echo bei der Fakultät finden. Denn Hand aufs Herz — das ja menschlichen Wallungen genau so ausgesetzt ist wie das des fünfzigjährigen Patienten, der ein fünfundzwanzigjähriges Jubiläum als Verdiener feiert und vom Leben für die Zukunft noch mehr verlangt —, das ist ja alles ganz gut, ein guter Arzt muß ein guter Mensch sein, aber ein Arzt ist eben auch ein Mensch, also Hand aufs eigene Herz: welcher Wiener Universitätsprofessor und Konsiliarius, welcher europäische Arzt lebt, der den Tag nicht erwarten kann, wo er seine Patienten so weit gebracht haben wird, dass diese den Arzt entbehren können? Solange die Ärzte fürs Kranksein bezahlt werden, mag ein Heiliger unter ihnen der Verlockung widerstehen, wenn schon nicht das Kranksein zu verlängern, so doch dem Gesundwerden mit Besorgnis entgegenzusehen. Kein europäischer Arzt wird sich des Wunsches überführen können: wenn der zudringliche Mensch von einem Patienten nur schon endlich gesund wäre, damit ich ihn nicht mehr sehen müßte und er mich entbehren kann der Kerl — was ich dem koste, das ist schon wirklich nicht mehr auszuhalten! Dagegen in Ostasien, Herr Kollega, dort sind die Ärzte wirklich sehr interessiert: sie bekommen nur Honorar, solange der Klient gesund ist, und da schauen sie wirklich dazu, dass ers bleibt. Vielleicht, dass eben darum dort auch die Fünfzigjährigen keiner Störung des Allgemeinbefindens unterworfen sind.

 

 

April, 1916.


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