Die Welt als Vorstellung


Was die Behauptung Cadornas betrifft, dass die von unseren Truppen bisher erstürmten Stellungen nur »Vorstellungen« seien, so sei nur neuerdings —

Erschütternd, wie hier der neue Sinn des Worts zum alten zurückfindet, ohne Vorstellung davon. Denn die von uns genommenen Stellungen sind keine Vorstellungen, sondern richtige Stellungen, und die Behauptung Cadornas, dass es bloße Vorstellungen und nur in unserer Vorstellung existierende Stellungen seien, ist eine falsche Vorstellung. Nun war aber auch kürzlich von den Stellungspflichtigen und den »Vorstellungspflichtigen« zu lesen. Hier ist wieder Zuwachs zum Leid der Menschheit, durch das Leid der Sprache. Sind es solche, die verpflichtet sind, eben hievon eine Vorstellung zu haben? Nein; es wäre von übel. Solche, die verpflichtet sind, sich irgendwo vorzustellen? Ja und nein. Etwas vorzustellen? Danach wird nicht gefragt. Einem etwas vorzustellen, wie ihre Jugend, ihr Alter, ihre Krankheit, ihre Unentbehrlichkeit? Das können oder brauchen sie nicht. Einem Vorstellungen zumachen? Keineswegs. Solche, die verpflichtet sind, Vorstellungen zu beziehen oder zu nehmen? Noch nicht. An Vorstellungen mitzuwirken? Auch noch nicht. Sich vor die anderen zu stellen? Das dürfen sie nicht. Also was denn? Sich vor den anderen zu stellen, früher als die andern zu stellen! Das muß es sein, denn eine andere Vorstellung kann man sich darunter nicht vorstellen. Die Sprache hat ohnehin mehr gesagt, als sie von rechtswegen verpflichtet wäre. Mehr vorstellungspflichtig ist sie nicht. Aber muß man denn in einer Zeit, die so viel Worte hat, gerade mit den besten durchhalten und so, dass man sie zu jeder Verrichtung benützt? Eher sollte man Wortkarten einführen und auf eine solche nicht mehr Vorstellungen beziehen dürfen, also auch auf eine »Vorstellung« nicht mehr Vorstellungen, als Zucker zum Kaffee. Denn eben wo zu viel Begriffe sind, da dankt ein Wort, das auf sich hält und selbst dort, wo nur Taten gelten, noch etwas vorstellen will, zur rechten Zeit ab.

 

 

Juni, 1916.


 © textlog.de 2004 • 14.12.2017 14:08:05 •
Seite zuletzt aktualisiert: 15.01.2007 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright Die Fackel: » Glossen » Gedichte » Aphorismen » Notizen