Ein Irrsinniger auf dem Einspännergaul


Wunder gibts jetzt nur in der Technik, Symbole wachsen in der lokalen Chronik. Hier ist eines, das ziemlich gut zeigt, wie ich mir die Lage der Welt im Krieg, die Lage unserer Welt, schon immer vorgestellt habe.

[Ein Irrsinniger auf dem Einspännergaul.] Eine aufregende Straßenszene hat gestern abend an der Kreuzung der Aiser- und Landesgerichtsstraße eine geraume Zeit lang unter den vielen Vorübergehenden großes Aufsehen erregt. Gegen halb 8 Uhr fuhr ein Einspännerwagen mit zwei Damen als Fahrgästen und Gepäck, das auf dem Bocke verstaut war, in der Universitätsstraße gegen die Alserstraße. Als der Wagen im langsamen Tempo zur Kreuzung der Alser- und Landesgerichtsstraße fuhr, kam ein junger Mann in Infanteristenuniform plötzlich im Laufschritt auf die Straße und stürzte sich dem Einspännerrosse entgegen; er faßte es an dem Zügel und wollte das Pferd anhalten. Der Kutscher war überrascht, die beiden Insassen waren erschrocken. Der Kutscher schlug mit der Peitsche auf das Pferd ein, um es zu schnellerem Trabe zu veranlassen und dem jungen Menschen zu entkommen; das Pferd lief auch schneller, da sprang der junge Mensch wieder an den Gaul heran und schwang sich auf ihn. Mit der bloßen Hand trieb er das arme Tier zu noch schnellerem Laufe an, indem er dabei wiederholt »Hurra!« schrie. Nun hatte der Kutscher die Lenkung über das Pferd ganz verloren und der sonderbare Reiter ließ den Gaul ganz umkehren. Im Galopp kam das Tier mit dem schleudernden Wagen gegen die Kreuzung. Das Abenteuer hätte noch schlimm enden können, wenn nicht an der Kreuzung ein Sicherheitswachmann das Pferd am Zügel gefaßt und zum Stehen gebracht hätte. Der Wachmann zog den Reiter wieder auf den Boden herab. Kutscher und Fahrgäste atmeten auf. Um den Wagen sammelte sich gleich eine große Menge an. Der junge Mann, der offenbar geistesgestört ist, wurde der irrenärztlichen Behandlung übergeben.

Wann, wann, wann! Wann kommt er, der Wachmann! Wenn man einen braucht, ist natürlich keiner da.

 

 

April, 1916.


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