Metaphysik der Schweißfüße


Aus einem Buch des Herrn Karl Hans Strobl:

... Und all das Grün ist mit Mondlicht durchwirkt, weit hinaus ergossen, bis zu fernen, weißglänzenden Häusern und dunkeln Bergen, wie Eichendorffs allerholdseligstes Sommernachtsgedicht.

Wie ich wieder aus dem dunkeln Saal auf die Terrasse trete, hat der Fähnrich sein großes Taschenmesser in der Hand, schneidet ein Stück Geselchtes herunter und sagt so beiläufig und obenhin: »Mit diesem Messer hab' ich ein paar Russen den Hals abgeschnitten

Auf Schleichpatrouillen, in polnischen Wäldern, in den Karpathen, wo es gilt, Vorposten des Feindes rasch und ohne Lärm unschädlich zu machen. Schießen ist unmöglich und Gefangennehmen ein selbstmörderisches Getümmel. Anschleichen, Aufspringen, bei der Kehle nehmen, basta! Oder im Nahkampf, wenn die letzte Revolverpatrone verschossen ist ...

Huldschiner zündet eine neue Zigarre an. — — Ob er sich die Goldene im Russischen Krieg erworben habe?

Nein, die habe er jetzt bekommen, im Kampf gegen die Katzelmacher. Jetzt hilft ihm nichts mehr, und er muß erzählen. Es sei weiter nichts Besonderes gewesen, er habe sich halt einmal durch die italienischen Linien geschlichen und Kundschaft mitgebracht, wo sie ihre Reserven sammelten, da hätte dann die Artillerie fein gemütlich hinschießen und die ganze Gesellschaft zersprengen können ...

Ich will ja dem Herrn Karl Hans Strobl und ähnlichen gambrinusartig aussehenden Herren der Literatur nicht persönlich nahetreten, 's sind wackere Bursche, wenn sie auch all jenes nur beschreiben und loben und, weil sie dieses treffen nicht selbst mitmachen müssen, ich gönne jeglicher Seel' die bequemste Art, durch diesen Krieg zu ihrem Frieden zu kommen, nicht will ich tadeln, warum jener Schwächliche, jener Gütige, jener Geistige dort hinab mußte und dieser Mastbürger hier, dessen treudeutsch Auge allein die Wacht am Rhein zu garantieren scheint, allheil bleibt, indem er sich zusammentut mit Juden im Pressquartier, alle geduckt, doch in Sicherheit vor dem Gewitter, und indem er für »Ullstein« — schon der Name ist das Weltübel — Kriegsbücher leisten kann; nicht will ich anklagen, dass es vor dem Tod noch Unterschiede gab, Kontraste und dass alles, was der fügsamen Welt im Namen des Unrechts geschah, noch entstellt war durch Ungerechtigkeit. Aber: wenn man mich als Sachverständigen vor dem jüngsten Gericht zuziehen wollte, und ich hörte dort den Ankläger sagen: Hatte einer wirklich einen Herzfehler, der ihn davon befreit hat, einem andern das Bajonett ins gesunde Herz zu stoßen, und holte ers schriftlich nach, indem er sagte, das gefalle ihm so; tat er so, so wollen wir solchem Herzen einen langen Ruhstand in der Hölle gönnen — da würde ich einwerfen: Nein, glaubet mir, alles dies, all diese viehische Selbstverständlichkeit des Hantierens mit fremdem Blut, dieses losgelassene Glück der Unmenschlichkeit, dieses Messerwetzen im Wort »Katzelmacher«, diese bunte Verbindung von Eichendorff, Geselchtem und Gurgelschnitt — all dies kam von den Schweißfüßen! Nicht dass ich sie dem Verewigten selbst imputierte, das wäre eine Rohheit, als amputierte ich sie ihm gar, dem Nichtgedienten, und keineswegs nachweisbar: wohl aber der ewigen Seele, die hier vor uns steht! Diese Seele hat Schweißfüße, sie war ihr Lebtag stolz auf sie, insgeheim aber laborierte sie daran gewissermaßen und rächte sich an jeglichem Ding, das keine hatte. Es ist eine Art Redlichkeit, die sich zurückgesetzt fühlt: die meisten Dichter und Denker schreiben mit Schweißfüßen und die Welt will das nicht anerkennen ... Und würde auf die Frage des Vorsitzenden, ob ich denn glaube, dass Schweißfüße eine metaphysische Eigenschaft seien, erwidern: Na, und ob! Hauptsächlich! Davon eben ist alles gekommen. Es ist geradezu eine Weltanschauung, nämlich die unter allen Umständen ideale. Es bildet sich heraus, wenn etwas immer feststeht und treu, immer auf demselben idealen Knotenpunkt des Gemüts und des Verkehrs. Dann wollte es sich Luft machen, Bewegung, Expansion, aber das half ihm nicht und verdroß nur die Umgebung. So ist alles gekommen. Ich bin nicht für die Hölle, weil sich dort kultivierte Sünder beschweren könnten, sondern für einen Abort der Hölle, wo die Autoren und Leser der Ullstein- und Staackmann-Büchereien mehr unter sich sind und wo der Ganghof er die Honneurs macht. Hinunter!

 

 

August, 1916.


 © textlog.de 2004 • 18.12.2017 16:00:24 •
Seite zuletzt aktualisiert: 15.01.2007 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright Die Fackel: » Glossen » Gedichte » Aphorismen » Notizen