Das Gedankenleben


Zwei Stufen des Denkvermögens gibt es jetzt. Auf der einen, der höhern, sagt man: »Krieg ist Krieg.« Hier ist außer der Erkenntnis noch der Rat inbegriffen, sich danach einzurichten oder wenns nicht paßt, nach einem andern Planeten auszuwandern, falls man die Grenzübertrittsbewilligung bekommt. Diese Formel berücksichtigt die unabsehbaren Schwierigkeiten und Gefahren, die sich aus der einmal gegebenen Tatsache ergeben, ohne jedoch den, der sie anwendet, an diesen Fatalitäten schuldig oder beteiligt erscheinen zu lassen. Nur im Munde solcher, die nicht daran sterben, ist diese Definition des Krieges gebräuchlich, die andern wissen vielfach, dass der Krieg auch etwas anderes ist als Krieg. Auf der zweiten Stufe aber drücken sich die Leute, denen es nicht geschah, weniger kompliziert aus, sondern sagen einfach: »Jetzt ist Krieg.« Diese Erkenntnis hält sich gleichfalls an die einmal gegebene Tatsache, weist aber den barsch ab, der dem Sprecher irgendwelche Zumutungen stellen möchte, denen er schon im Frieden nur schlecht oder ungern entsprochen hat und von rechtswegen auch im Krieg zu entsprechen hätte, also nicht als ob ihm eine neue Leistung aufgebürdet würde, sondern weil die alte von ihm verlangt wird. Es ist allenthalben nicht nur das Zauberwort, das den Wucherinstinkt bis zur Aufopferung des letzten Schamgefühls entfesselt hat, sondern es ist auch in der Niederung jener, die vom Krieg nichts haben können, die Ausrede der Lässigkeit und die Entschuldigung der Schlamperei, und man hat den Eindruck, als sollte die Felddiensttauglichkeit anderer die eigene Untauglichkeit zu jedem andern Dienst erfordern. Man muß darauf gefaßt sein, dass man von einem Kellner, dem man jetzt etwa raten würde, die Tür geräuschloser zu schließen oder den Finger nicht geradezu in den Teller zu stecken, die Antwort bekommt: »Jetzt ist Krieg.« Blitzschnell hat diese Erkenntnis alle Gebiete des öffentlichen und des privaten Lebens, jenseits aller Notwendigkeiten, die sich aus der Tatsache, dass Krieg ist, ohnehin ergeben, durchsetzt und den Zustand eines andern Kriegs geschaffen, den das Hinterland auf eigene Faust zu führen scheint. Jener Krieg ist dieser Krieg. Eben dort, wo noch die Bahn des Lebens frei wäre, pflanzt sich die störrige Banalität auf und zwingt uns zur Umkehr durch die vorgehaltene Warnung: Jetzt ist Krieg. Der Gedanke lebt und jeder nimmt sich seinen Teil von dem allgemeinen Recht, ein Hindernis zu sein. Alles andere aber, was so tagsüber den Leuten aus dem Mund kommt, ist nur die feierliche Redensart, die öfter gestorben ist, als jener Tod, den sie bezeichnet, erlitten wurde. Wer hätte denn je gedacht, dass eine Zeit anbrechen werde, die solcher Menschenware den Stolz beibringt, einer »Epoche« anzugehören! Glotzende Fettaugen auf der Wassersuppe des Lebens, starren uns die heroischen Worte an, als wäre, wenn das Ohr versagt, auch dem Aug noch ein Tort erwünscht. Dieser Gallert, nicht zertreten, kaum bewegt vom Ereignis, schillert in den Farben der Glorie, und ich weiß nicht, habe ich es erfunden oder ist es nur wahr: in einem Kaffeehaus, in dessen Luft ein Schlachtenlärm ist von Prozenten und Miasmen, in einer jener großstädtischen Lokalitäten, in die der Kriegszwang selten eingreift, seltener die Gerechtigkeit, wiewohl sie es blind vermöchte, in einer jener Baracken, wo sich die Entlausung des Hinterlands durch den Krieg als Utopie herausstellt, sagt einer plötzlich: »Was heißt nein? Ich sag Ihnen sein Vorgesetzter selbst hat ihr geschrieben, so wahr ich da leb, er wird in den Annalen fortleben.«

 

 

April, 1916.


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