Eingedeutschtes


(Leutnant — Leitmann.) Wir finden in deutschen Blättern: Es war mir eine große Freude, Ihre Mitteilung von der hübschen Eindeutschung des schauerlichen »Trottoirs« in »Trottweg« zu lesen, zumal ich dadurch an eine ähnliche Wortbildung erinnert werde, die mein Sohn, der jetzt als Reserveleutnant im Felde steht, verbrochen hat, als ich mich mit ihm mal über Heeressachen unterhielt. Mit dem Worte Leutnant konnte er gar nicht fertig werden und machte daraus »Leitmann«. Das gefiel mir so, dass ich wiederholt anregte, die Verdeutschung aufzugreifen und an Stelle des damals noch üblichen »Lieutenant« anzuwenden. Leider fand ich keine Gegenliebe. Aber vielleicht könnten Sie durch den großen Einfluß Ihres Blattes, zumal in der heutigen Zeit, besser darauf hinwirken, dass dieser nach meiner Ansicht ganz vortreffliche Ausdruck mal zur allgemeinen Einführung in Erwägung gezogen wird. Zum »Hauptmann« würde »Leitmann« auch dem Wortsinn nach ganz gut passen und ebenso wohl der militärischen Stellung entsprechen. Fleischhauer, Oberleitmann d. L. a. D.

Das Trottoir, das gemeinhin nur dann schauerlich ist, wenn die Passanten, die dortselbst trotten, zumal in der heutigen Zeit, in Trottel übersetzt werden müssen, wäre also bereits mit Erfolg »eingedeutscht«. Eindeutschen — das ist die Tätigkeit jener in der Außenwelt unbeliebten Leute, die nach erfolgter Ablehnung den heroischen Entschluß gefaßt haben, »sich auf sich selbst zu besinnen«, wie man jetzt sagt, sich also gewissermaßen freiwillig in ein inneres Konzentrationslager zu verfügen und von einer Walhalla mit Export- abteilung zu träumen. Da es kaum gelingen dürfte, sämtliche fremden Kulturen einzudeutschen, so ist es nicht unklug, sich wenigstens rechtzeitig an ein paar Fremdwörtern zu vergreifen, sie als Geiseln zurückzubehalten und sich an ihnen für die eigene Unbeliebtheit zu rächen. Eindeutschen — ist es eine Tortur? Eine Strafe ist es. Eine »Heimsuchung« ist es sicher. »Eingedeutscht sollst du werden!« Ist es eine Zubereitung? »Wir haben heute zu Mittag Eingedeutschtes gehabt.« Eindeutschen — das ist fast eine so vorsichtige Tätigkeit, wie bei Zeiten, zumal in der heutigen Zeit, Dunstobst einlegen. Tatsächlich werden auch mit Vorliebe schon alle Speisen eingedeutscht, die dann weit schmackhafter sein sollen und, soweit erhältlich, eben darum mehr kosten. Nun wäre zwar manch einem ein Rumpsteak, das zu haben ist, lieber als ein blutiges Zwischenlendenstück, das, zumal in der heutigen Zeit, nicht zu haben ist; aber die beruhigende Gewißheit, dass man es unter allen Umständen eindeutschen kann, ist auch etwas wert. Ich für meinen Geschmack würde eine eingedeutschte Speise wohl nicht mit der Feuerzange anrühren und wählte den Hungertod, ehe ich davon äße. Würde ich nur krank, so würde ich an deutschem Wesen sicher nicht genesen. Aber ich würde auch nie behaupten, dass ich mal durch ein abgekürztes Mal satt geworden wäre, und dann behaglich auf dem Trottweg herumspaziert wäre, so bis zum nächsten Fleischhauer, um auch dort nichts zu kriegen, höchstens zu erfahren, dass er derzeit seinen Beruf wo anders ausübe, nämlich im Feld, nämlich als Oberleitmann. Sein Sohn hat das Geschäft auch nicht übernehmen können; er hätte es als Reserveleutnant können, hat aber als Vorratsleitmann einrücken müssen. Nein, da ist nichts zu holen. Nein, so lebe ich nicht. So einer bin ich nicht. Ich weiß, dass die Zeit ernst ist, die heutige. Voll Taten, aber auch voll Gedanken. Voll Aufregungen, aber auch voll Anregungen. Und wenn sie sich nur den Respekt vor dem Leitmann, der ihr doch wahrlich in Fleisch und Blut übergegangen ist, erhält, so kann ihr am Ende nichts mehr fehlen als ein paar Fremdwörter, zu deren Beseitigung sie das heroischeste Opfer auf sich genommen hat, nämlich das des Intellekts.

 

 

August, 1916.


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