Kriegsnamen


Wie sich der Krieg in Berliner Standesämtern zu erkennen gibt, davon entwirft das Berliner Tageblatt eine, offenbar zufriedene, Schilderung:

... Eine Frau hat ihrem neugeborenen Sohn den Vornamen »Belgrad« gegeben ... Karl Friedrich Belgrad Schulze heißt nun der junge Erdenbürger. Wenigstens im standesamtlichen Register — der Pastor, der das Kind taufen sollte, weigerte sich, den Namen Belgrad anzunehmen, da es der Name einer heidnischen Gottheit sei. Die Standesbeamten aber weisen alle diese Namen keineswegs zurück — nur »anstößige« Namen sind verboten —, sondern freuen sich im Gegenteil, wenn der Patriotismus sich auf diese Weise Luft macht. »Belgrad« als Vorname ist durchaus nicht vereinzelt geblieben. Ein Beamter des Admiralstabes nannte seinen Sohn »Wilna«, ein Postsekretär den seinigen »Longwy«, eine westpreußische Flüchtlingsfrau ließ »Tannenberg« eintragen, ein Bauhandwerker »Warschau«, ein Name, der überhaupt mehrfach wiederkehrt. Aber wesentlich häufiger als der Gebrauch von Städte- oder Schlachtennamen ist der von Heerführern ... Von den Generälen steht natürlich »Hindenburg« obenan. In allen Standesamtsbezirken, die dafür überhaupt in Betracht kommen, ist Hindenburg als Vorname sehr beliebt ... Nur müssen die Standesbeamten streng darauf achten, dass »Hindenburg« nicht unmittelbar vor dem Geschlechtsnamen stehen darf — es könnte sonst zu leicht ein adeliger Doppelname daraus werden ... Neben »Hindenburg« ist »Zeppelin« am häufigsten ... Wesentlich seltener sind andere, die eine bestimmte Tendenz zum Ausdruck bringen sollen. So gab ein Oberlehrer an dem Tage, da der Abfall Italiens bekannt wurde, seinem neugeborenen Töchterlein den Namen »Fides« (Treue), womit er jedenfalls gegen die welsche Untreue protestieren wollte. Ein anderer hatte zu Beginn des Krieges noch großes Vertrauen zu dem südlichen Bundesgenossen und wollte, dass sein Sohn »Dreibund« genannt werde, was ihm der Standesbeamte jedoch ausgeredet hat.

In einer patriotischen Berliner Familie, die viele Köpfe hat, dürfte es dereinst so zugehen. Vater: »Jungens, was habt ihr denn nu wieder? Was is'n los?« »Belgrad is gefallen!« »Müßt ihr denn immer 'rumtollen?« »Vater, Hindenburg pisackt Tannenberg, und da kam ik denn zwischen, er kriegte mich zu fassen und da —« »Nu gebt doch mal Ruhe! Nehmt euch ein Beispiel an Zeppelin!« »Nee, is nicht, Zeppelin ist der ärgste, vorhin hat er gedroht, dass er über Wilna kommt!« »Ihr seid mir aber Jören!« »Sie hat anjefangen!« »Nu man stille! Longwy, laß deine Nase in Ruh! Ja hört mal, wo is denn Dreibund?« »Wir haben Einkreisen gespielt und da hat er sich den Stiefel abgetreten, 's war zum Schießen!« »Das will mir gar nicht gefallen, benehmt euch doch. Nanu, wo is denn aber Warschau?« (Warschau erscheint bleich in der Tür.) »Vater, ik hab mir übergeben müssen.«

 

April, 1916.


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