Sie exzediert schon


Einen bemerkenswerten Verlauf nahm heute beim Bezirksgerichte Josefstadt eine Verhandlung, in der die Hilfsarbeiterin Marie Grill wegen Wachebeleidigung angeklagt war. Als Frau Grill, deren Mann im Feld steht, am 5. Mai gegen 6 Uhr abends von der Arbeit heimkehrte, fand sie ihre armselige, aus Kabinett und Küche bestehende Wohnung ganz ausgeräumt vor. Die geringen Fahrnisse waren auf einen Handwagen in der Hauseinfahrt aufgeladen. Um den Wagen standen die drei Kinder der Frau Grill und weinten. Die Hausbesorgerin im Hause Hernalser Hauptstraße 210 hatte wegen eines Zinsrückstandes von 11 K die Delogierung der Frau Grill erwirkt und sie in Abwesenheit der Frau Grill vornehmen lassen. Die Delogierte, die noch keine Wohnung hatte, machte Miene, sich mit ihrem jüngsten, schwerkranken Buben auf die Schienen der Elektrischen zu werfen, wurde jedoch von den Passanten, die sich in großer Zahl angesammelt hatten, zurückgehalten. ... wegen Straßenexzesses für verhaftet erklärte und sie, begleitet von mehreren hundert Personen, aufs Kommissariat eskortierte. Während der Eskorte soll Frau Grill dem Wachmanne zugerufen haben: »Sie sind von der Hausmeisterin gespickt worden. Sie gehören eigentlich ins Feld, nur sind Sie dazu zu feig!« ... ihre drei Kinder, von denen das jüngste kürzlich an beiden Füßen operiert.... Die Hausbesorgerin, die ihr gehässig sei, und die allein im Hause das Regiment führe, habe ihr gekündigt und auch die Delogierung bewirkt. Am 5. Mai sei sie nachmittags auf Arbeit ausgegangen und als sie am Abend zurückkehrte, habe ihr die Hausbesorgerin schon von weitem zugerufen: »Na, ich hab' a schöne Überraschung für Sie vorbereitet!« Sie habe dann zu ihrem Entsetzen ihre armseligen Sachen in der Hauseinfahrt gesehen. Sie habe sehr geweint, da sie nicht wußte, wohin sie mit ihren Kindern gehen solle. Auf einen Wink der Hausbesorgerin sei der Wachmann Bayer herbeigeeilt, habe sie, als sie weinte, sofort beim Arm gepackt und dabei gerufen: »Oes Reservistenweiber! Ich werd' euch schon helfen!« ... Richter: Geben Sie zu, den Wachmann während der Eskorte mit der in der Anzeige inkriminierten Äußerung beschimpft zu haben? Angekl.: Wie mich der Wachmann wie eine Diebin eskortiert hat, so dass ich mich vor den Leuten geschämt habe, habe ich ihm nur gesagt: »Sie gehören ins Feld, damit Sie die Sachen auch kennen lernen, wie mein Mann sie kennen gelernt hat.« ... Der als Zeuge unter Diensteid vernommene Wachmann Ferdinand Bayer erklärte, dass die Hausbesorgerin ihm schon vor der Vornahme der Delogierung sagte, dass Frau Grill, wenn sie nach Hause kommen wird, sicher exzedieren werde. Gegen 6 Uhr abends habe ihn dann die Hausbesorgerin mit den Worten gerufen: »Sie ist schon da, sie exzediert schon.« ... arretiert ... eskortiert ... inkriminierte Weise ...

Das Ganze heißt Wien. Es beginnt mit ein paar armseligen »Fahrnissen«, nimmt dann einen bemerkenswerten Verlauf und endet mit Delogierung, Elektrischer, Passanten, Kommissariat, Regiment, operiert, exzediert, arretiert, eskortiert, inkriminiert. Die Hausmeisterin bietet a schöne Überraschung. Die Armut, die nur ein paar Fahrnisse hat, gerät in allerlei Fährnisse, unter Fremdwörter, die sie nicht versteht, sieht sich plötzlich vor einem Richter, den sie mit »Herr kaiserlicher Rat« oder gar »Herr kaiserlicher Adler« anspricht. Es kommt ins Weltblatt, wo es der wahre kaiserliche Rat, ein richtiger Adler zum Frühstück liest. »Fahrnisse hat sie gehabt, nicht der Rede wert.« Sie exzediert schon? Nein, noch nicht. O oes Reservistenweiber, könnte ich euch doch helfen!

 

 

August, 1916.


 © textlog.de 2004 • 19.10.2017 18:18:26 •
Seite zuletzt aktualisiert: 15.01.2007 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright Die Fackel: » Glossen » Gedichte » Aphorismen » Notizen