Drei Engel — drei Räuber
oder
Gerhart Hauptmanns Höllenfahrt


1894

  

1915

Erster Engel


Auf jenen Hügeln die Sonne,

Sie hat dir ihr Gold nicht gegeben,

Das wehende Grün in den Thälern,

Es hat sich für dich nicht gebreitet.

Zweiter Engel


Das goldne Brod auf den Äckern,

Dir wollt′ es den Hunger nicht stillen;

Die Milch der weidenden Rinder,

Dir schäumte sie nicht in den Krug.

Dritter Engel


Die Blumen und Blüthen der Erde

Gesogen voll Duft und voll Süße,

Voll Purpur und himmlischer Bläue,

Dir säumten sie nicht deinen Weg.

Erster Engel


Wir bringen ein erstes Grüßen

Durch Finsternisse getragen;

Wir haben auf unsern Federn

Ein erstes Hauchen von Glück.

Zweiter Engel


Wir führen am Saum unsrer Kleider

Ein erstes Duften des Frühlings;

Es blühet von unsern Lippen

Die erste Röthe des Tags.

Dritter Engel


Es leuchtet von unsern Füßen

Der grüne Schein unsrer Heimath;

Es blitzen im Grund unsrer Augen

Die Zinnen der ewigen Stadt.

 

Es kam wohl ein Franzos daher. —

Wer da, wer? —

Deutschland, wir wollen an deine

Ehr′! —

Nimmermehr!!

Schon wecken die Trompeten durchs

Land.

Jeder hat ein Schwert zur Hand.

Man kennt es gut, dies gute Schwert,

von Spichern, Weißenburg und Wörth,

das deutsche Schwert.

Es kam ein schwarzer Russ′ daher. —

Wer da, wer? —

Deutschland, wir wollen an deine

Ehr′! —

Nimmermehr!!

Ein Kaiser spricht es hoch vom Sitz.

Viel Feind′, viel Ehr′, wie der alte Fritz.

Sein Nimmermehr ist mehr als Schall,

′s ist Donnerrollen und Blitzesknall,

′s ist Wetterstrahl.

Da kam ein Englishman daher.—

Wer da, wer? —

Deutschland, wir wollen an deine

Ehr′! —

Nimmermehr!!

Nimmermehr ist unser Wort,

es braust durch alle Gaue fort,

ein Cherub trägt es vor uns her:

Nimmermehr! Nimmermehr!

Nimmermehr!

Es kamen drei Räuber auf einmal

daher. —

Wer da, wer?

Deutschland, wir wollen an deine

Ehr′! —

Nimmermehr!!

Und wär′t ihr nicht drei, sondern

wäret ihr neun,

meine Ehr′ und mein Land blieben

ewig mein:

Nimmer nimmt sie uns irgendwer,

dafür sorgt Gott, Kaiser und

deutsches Heer. —

Nimmermehr!


 

Juni, 1916.



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 16.01.2007 
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