Groteske

Groteske. (Zeichnende Künste) So nennt man eine besondere seltsame und phantastische Gattung der malerischen Verzierungen gewisser Zimmer. Das Groteske besteht aus kleinen Figuren von Menschen und Tieren, mit Blumen und Laubwerk so verflochten, dass man darin das Tier und Pflanzenreich in einander verflossen antrifft; Menschen und Tiere, die aus den Knospen der Pflanzen hervorwachsen, halb Tier und halb Pflanzen sind. Man hat dergleichen in alten Grotten in Rom angetroffen. Joh. von Udine soll sie zuerst in den Ruinen der Bäder des Titus gefunden haben. Vitruvius erwähnet dieser seltsamen Art zu malen1, und klagt über den schlechten Geschmack, der dergleichen phantastischen Dinge hervorgebracht hat. Sie überrascht, wie ein abenteuerlicher Traum, durch die ausschweifende Verbindung solcher Dinge, die keine natürliche Verbindung unter einander haben: sie kann doch eine Zeitlang gefallen, wie etwa ein tolles Geschwätz eines sich närrisch anstellenden Menschen, wegen der ausserordentlich seltsamen Verbindung der Begriffe, lachen macht. Es gehört also überhaupt in die Gattung des Lächerlichen und Abenteuerlichen, das nicht schlechterdings zu verwerfen ist.

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass das Groteske schon in ganz alten Zeiten in Ägypten aufgekommen sei. So viel ich mich erinnere, erwähnt der zwar nicht sehr zuverläßige Reisebeschreiber Lucas, dass er solche in alten ägyptischen Ruinen angetroffen habe. Nach der vorher erwähnten Entdekung der alten Grotesken haben auch die Neueren sie wieder in die Malerei aufgenommen. Der erwähnte Joh. von Udino und Per. del Vaga haben in der Gallerie des Vatikans, die wegen der darin befindlichen Gemälde die Bibel des Raphaels genannt wird, dergleichen Verzierungen angebracht, die Raphael selbst soll gezeichnet haben. Aber der Graf Caylus, der etwas von den antiken Grotesken, nach den Originalen gezeichnet und illuminirt, herausgegeben hat,2 hält sie für Kopien derer, die in den Bädern des Titus gefunden worden.

  Die Chinesen haben ihre besondere Art des Grotesken, das noch abenteuerlicher ist als das Antike, indem sie auch Gebäude und Landschaften als in der Luft schwebend oder wie aus Bäumen herauswachsend vorstellen.

 

__________________

1 Lib. VII. c. 5.

2 Recueil de peintures antiques. Préface.

 


 © textlog.de 2004 • 21.03.2019 04:20:10 •
Seite zuletzt aktualisiert: 23.10.2004 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright  A  B  C  D  E  F  G  H  I  J  K  L  M  N  O  P  Q  R  S  T  U  V  W  Z