Gebärden

Gebärden. (Schöne Künste) Die verschiedenen Bewegungen und Stellungen des Körpers und einzelner Gliedmaßen desselben, insofern sie etwas Charakteristisches haben oder Äußerungen dessen sind, was in der Seele vorgeht.1 In gar viel Fällen sind die Gebärden eine so genaue und lebhafte Abbildung des inneren Zustandes der Menschen, dass man ihre Empfindungen dadurch weit besser erkennt als der beredteste Ausdruck der Worte sie zu erkennen geben würde. Keine Worte können weder Lust noch Verdruss, weder Verachtung noch Liebe so bestimmen, so lebhaft, viel weniger so schnell ausdrücken als die Gebärden. Also ist auch nichts, wodurch man schneller und kräftiger auf die Gemüter wirken kann. Darum sind sie der Hauptgegenstand der Künste, die auf das Auge wirken. Der Maler hat wenig andere Mittel als dieses, Empfindungen und Gedanken zu erwecken; der Redner und der Schauspieler aber kann durch die Gebärden seinen Vorstellungen ein Leben und eine Kraft geben, die die, welche in den Worten liegt, weit übertreffen. Man kann aus dem, was uns einige Alten von den Pantomimen in Rom erzählen, abnehmen, wie weit die Sprache der Gebärden sich erstrecken könne. Die Kunst der Gebärden ist deswegen von den Alten als ein besonderer Teil der schönen Wissenschaften, unter dem Namen Musica Hypokritica, betrachtet worden. Plato erwähnt der Gebärdenkunst unter dem Namen Orchesis.

  Aber so bestimmt jede Empfindung, so gar jede Schattierung und jeder Grad einer Empfindung, sich durch ihre besonderen Gebärden ausdrücken lässt, so unbestimmt und unzureichend hingegen ist jede Sprache, wenn man diesen Teil der Kunst in Regeln fassen wollte. So wie man auch in der reichesten Sprache die verschiedenen Gesichtsbildungen der Menschen nur sehr unvollkommen beschreiben kann, so findet man auch die größten Schwierigkeiten, die Gebärden bestimmt zu beschreiben. Darum haben auch die besten Lehrer der Redner als Cicero und Quintilian, nur wenige allgemeine Vorschriften hierüber geben können. Doch sollte man die Hoffnung, den Ausdruck der Sprache in diesem Stück zu einer mehreren Vollständigkeit und zu genauerer Bestimmung zu bringen, nicht verloren geben. Wenn die späteren griechischen Rhetoren, die sich so viel unnütze Mühe gegeben haben, für jede grammatische oder rhetorische Figur einen Namen und eine Erklärung zu finden, ihr Nachdenken auf die Beschreibung der Gebärden angewendet hätten, so würde man vielleicht jetzt schon nähere Hoffnung haben, von diesem wichtigen Teile der Kunst einmal bestimmt zu sprechen.

 Die zeichnenden Künste könnten darin den redenden einen wichtigen Dienst leisten. Es ist zu wün schen, dass ein guter Zeichner eine Sammlung nachdrücklicher und redender Gebärden anfangen möchte. Wer sich besonders darauf legen wollte, bloß die Gebärden der Menschen zu beobachten und jedes redende und jeden genauen Ausdruck darin, richtig zu zeichnen, dem würde es nicht schwer fallen, einen beträchtlichen Beitrag zur Gebärdenkunst zu liefern. Es wäre ein, einer Kunstakademie würdiges, Unternehmen, eine solche Sammlung zu veranstalten und die Künstler zu jährlicher Vermehrung derselben aufzumuntern. Man könnte allenfalls den Anfang der Sammlung damit machen, dass man aus den Antiken und aus den Gemälden der neueren zuerst alle Figuren aussuchte und in einer Folge herausgäbe, die in der Stellung einen bestimmten Ausdruck zeigen. Hernach könnte jedem Zeichner, der eine genau nach der Natur gemachte und durch Gebärden sehr redende Figur, zur Sammlung einschickte, eine kleine Belohnung gereicht werden. Dadurch würde die Sammlung in wenig Jahren vermutlich sehr ansehnlich anwachsen. Wenn dann ein Mann von Genie eine solche Sammlung vor sich nähme, Beschreibungen und Anmerkungen dazu machte, so würde nach und nach der Teil der Kunst, der jetzt so wenig bearbeitet ist, zu großer Vollkommenheit kommen können. Wenn man bedenkt, dass mancher Liebhaber der Naturgeschichte vermittelst der Beobachtung, der Zeichnungen und der Beschreibungen, die Gestalt und die Bildung vieler tausend Pflanzen und Insekte, so genau in die Einbildungskraft gefasst hat, dass er die kleinsten Abändrungen richtig bemerket; so lässt sich auch gewiss vermuten, dass eine, mit eben so viel Fleis gemachte und in Klassen gebrachte Sammlung von Gesichtsbildungen und Gebärden und also ein daher entstehender eigener Teil der Kunst, eine ganz mögliche Sache sei. Warum sollte eine Sammlung redender Gebärden weniger möglich und weniger nützlich sein als eine Sammlung von abgezeichneten Muscheln, Pflanzen und Insekten? Und warum sollte man, wenn dieses Studium einmal mit Ernst getrieben würde, die dazu gehörige Kunstsprach und Terminologie nicht eben so gut finden können als sie für die Naturgeschichte gefunden worden?

 Dieses würde den Weg bahnen, dem Redner, dem Schauspieler und dem Maler, den wichtigsten Teil der Kunst zu erleichtern.

 Man kann dem Redner und dem Schauspieler nie genug wiederholen und nicht nachdrücklich genug sagen, dass die Gebärden redend sein müssen, noch dem Zeichner, dass seine Figuren allemal verwerflich sind, wenn er ihnen nicht redende Stellungen und Gebärden geben kann. Demosthenes hielt es für so wichtig, dass er auf Befragen, was in der Beredsamkeit das wichtigste sei, antwortete: Der Vortrag (wodurch er Stimm und Gebärden verstand): und auf die weitere Fragen, was nach dem zum zweiten und dritten als das wichtigste zu suchen sei, immer dieselbe Antwort wiederholte. Was man an dem Redner sieht, das wird unmittelbar auf dem Grund der Seele empfunden; aber die Worte kommen erst in den Verstand und von da durch eine Art der Übersetzung, wenigstens durch eine zweite Handlung des Geistes, aber verschwächt, an das Herz. Welche Worte sind vermögend die innigste Sehnsucht eines Verliebten, nach dem Gegenstand seiner Wünsche, so auszudrücken, wie seine Blicke und seine Gebärden?

 Einigermaßen ist es der Sappho in dem bekannten Lied an Phaon gelungen, dieses in Worten auszudrücken: deswegen auch ein feiner Kenner2 diese Ode unter die erhabensten Werke der Dichtkunst zählt.

 Wenn der Künstler durch genaue Beobachtung der in Gebärden liegenden Kraft, sich von ihrer Wichtigkeit völlig überzeugt hat, so muss er nun das besondere Studium dieses Teils der Kunst vornehmen. Darüber findet er aber bei dem Lehrer der Redner, aus angezeigten Ursachen, nichts als sehr allgemeine Anmerkungen; sein Genie und sein Fleiß müssen die besonderen Mittel finden. Eine der wichtigsten allgemeinen Anmerkungen ist diese: dass er überhaupt den allgemeinen Ton der Rede durch seine Gebärdenausdrücke und hingegen sich sehr in Acht nehme, das jenige, was bloß für den Verstand und nicht für die Empfindung ist, gleichsam durch malende Zeichen auszudrücken. Man muss, sagt Cicero, nicht einzelne Worte, sondern das, was man im Ganzen empfindet, nicht durch Abzeichnung, sondern durch Andeutung, ausdrucken3. Was der große Mann in der angezogenen Stelle demonstrationem verba exprimentem nennt und hier durch Abzeichnung übersetzt ist, muss von dem Redner sehr sorgfältig vermieden werden. Es kann nichts frostiger sein als wenn ein Redner jedes Wort mit Zügen und Bewegungen der Hände und der Ärme abbilden, besonders, wenn er bloße Begriffe, die nur den Verstand angehen, wie das Nahe und Ferne, das Hohe und Niedrige und dergleichen Dinge, zeichnen will. Die Gebärden sollen uns nicht deutliche Begriffe geben, sondern Empfindungen verstärken oder unterhalten.

 Hiernächst muss der Redner sich auch von dem Schauspieler unterscheiden. Er tritt wohl vorbereitet auf, hat auf einmal den ganzen Umfang seiner Materie vor sich, ist ganz und allein davon durchdrungen und behandelt sie als ein Mann, der alles auf das genaueste überlegt hat. Darum muss auch Einförmigkeit, Bedachtsamkeit und gute Fassung in seinen Gebärden sein. Bei dem Schauspieler verhält sich die Sache ganz anders. Er nimmt jeden Augenblick die Gebärden desselben Augenblicks an; bald redet er, bald hört er zu. Die Handlung reißt ihn mit fort, da der Redner seines Vortrages Meister sein muss. Der Schauspieler stellt einen für alles, was auf der Bühne vorgeht, unvorbereiteten Menschen vor, der plötzlich, bald angenehm, bald unangenehm gerührt wird: seine Gebärden müssen eben die Abwechslungen und die Vermischung des Guten und Bösen, so wie sie im Leben vorkommt, ausdrücken. Er muss in einem Augenblick sauer oder verdrießlich und wieder vergnügt aussehen. Also sind die Gebärden bei ihm weit schnellern Abwechslungen und weit lebhaftern Bewegungen unterworfen als bei dem Redner. Deswegen will Cicero auch nicht, dass der Redner die Kunst der Gebärden, so wie der Schauspieler lernen soll4.

 Wenn irgend ein Teil der Kunst ist, der eine lange und sehr fleißige Übung erfordert, so ist es dieser. Sie muss aber mit genauer Beobachtung der Natur verbunden sein. Der Redner muss Gelegenheit suchen, lebhafte und empfindsame Menschen zu sehen und ihre Gebärden genau beobachten und durch wiederholte Versuche das, was er nachdrücklich gefunden, sich zueignen. Zu seinen Übungen muss er sich eine Sammlung vorzüglicher Stellen aus den besten Rednern machen, die er erst wohl auswendig lernt und danach für sich so lange declamirt, bis er Stellung und Gebärden, die jedem Stück zukommen, gefunden hat. Wie ein Zeichner nicht leicht einen Tag vorbei gehen lässt, ohne etwas zu zeichnen, so muss auch der Redner täglich, wenigstens eine schöne Stelle declamiren. Es ist ein wirklicher Mangel auf unseren Universitäten, dass kein methodisch eingerichteter Unterricht in dieser Sache gegeben wird. Daher kommt es denn, dass man so sehr selten einen geistlichen Redner findet, der die Kunst versteht, seinen Worten durch die Gebärden Nachdruck zu geben.

 Man hört bisweilen, dass die Sprache der Gebärden so gar als eine, dem geistlichen Redner ganz unnötige, Sache verworfen wird. Aber dieses ist gewiss ein schädliches Vorurteil. Denn selbst da, wo der Redner bloß zu unterrichten oder nur auf den Verstand zu wirken hat, sind die Gebärden von großer Wichtigkeit; weil sie ungemein viel zur Unterhaltung der Aufmerksamkeit und selbst zur Überzeugung beitragen. Der Verstand lässt sich eben so, wie das Herz gewinnen; und erst denn, wenn er gewonnen ist, haben die Gründe ihre volle Kraft auf ihn.

 Für den Schauspieler und für den Tänzer ist nichts so wichtig als die Kunst der Gebärden. Besjetzt er diese, so ist er Meister über die Empfindung der Zuschauer; sind seine Gebärden unnatürlich, so wird sein ganzes Spiel unerträglich. Der Schauspieler kann durch verkehrte Gebärden das höchste Tragische frostig und das feinste Komische kläglich machen. Wer diesen Teil der Kunst nicht besitzt, dem ist zu ra then, nie auf Gebärden zu denken und sich lediglich der Natur zu überlassen. Natürliche Gebärden, auf welche man nicht studirt, sind allemal nachdrücklich, wenn man nur einigermaßen empfindet, was man sagt; die Kunst soll ihnen bloß den schönen Anstand geben. Wer ihnen diesen nicht geben kann, der bleibe lieber bei der ganz rohen Natur. Ist sie nicht mit Schönheit verbunden, so ist sie doch nachdrücklich; aber künstliche Gebärden, deren Anlage nicht aus der Natur entstanden ist, sind allemal frostig.

 

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1 Nempe gestus est in Corporis vel totius vel partium ejus quodam motu et conformatione temporaria, affectionibus animi vel veris, vel quas fingere volunt, accomodata, easque exprimens. Cicero de Nat. Deor. L. II. c. 12.

2 Longinus.

3 Omnes autem hos motus subsequi debet gestus, non hic verba exprimens, scenicus, sed universam rem et sententiam, non demonstratione, sed significatione declarans. Cic. in Bruto. L. III.

4 Nemo suaserit studiosis dicendi adolescentibus, in gestu discendo histrionum more elaborare. Cic. de Orat.

 


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