Der Sieg war zum Greifen nahe!


Da ist im Verlag für Sozialwissenschaft (zu Berlin SW. 68, Lindenstraße 114) ein kleines Heft herausgekommen: »Der Sieg war zum Greifen nahe!« – und das müßte hinaus aufs Land.

Den Lesern der »Weltbühne« brauche ich nur anzudeuten, wie in dieser außerordentlich interessanten Broschüre knapp und klar die wichtigsten Dokumente des Zusammenbruchs gesammelt sind, um zum Ausdruck zu bringen, wie unendlich wichtig dieses gute Material ist: Denkschriften der höhern Militärs, ihre eignen Urteile über die unhaltbare Lage, die Telegramme des alten Hindenburg, diese Telegramme, worin auf sofortigen Abschluß des Waffenstillstands gedrungen wird. Zum Auswendiglernen. Die Annexionspläne Ludendorffs sind abgedruckt – halb Belgien wollte der Mensch »fest in der Hand« behalten. All diese Dinge werden heut nicht nur vergessen, sondern frech gefälscht, vergraben, umgebogen und umgelogen. Wie wäre sonst die Dolchstoßlegende erklärlich, eine der ungeheuerlichsten Beschimpfungen des eignen Landes, ein Film, der vor Millionen wonnegrunzender Deutscher tagtäglich aufgeführt wird! »Im Felde unbesiegt«? »Zur See unbesiegt«? Diese Schwarten: auf den Müll! Die Broschüre: aufs Land!

Wer einmal in den letzten Jahren die deutsche Provinz etwas näher kennengelernt hat, der wird wissen, welche Luft da weht. Die nationale Presse und die deutsch-völkische Flugschriftenliteratur arbeiten wie geschmiert, und das sind sie ja wohl auch. Hier, auf dem Lande, da wäre einzuhaken. Ihr solltet das Heftchen lesen und dann einem Verwandten oder Bekannten aufs platte platte Land schicken. Traurig genug, dass die Republik dergleichen nicht in viel größerm Ausmaße tut, als es geschieht.

Aus diesem Heft könnten die Deutschen lernen. Zum Beispiel läsen sie, wie im Jahre 1920 das ††† Dörrgemüse aus dem Felde vom Reichswehrministerium verkauft worden ist: »Dieses Dörrgemüse wird, da es in seinem Nährwert Wiesenheu mittlerer Güte entspricht, als Pferdefutter verausgabt werden.« Besinnt ihr euch auf die deutschen Ärzte, die, nach Kalorien abgestuft, den Landsleuten vorlogen, ihre Unterernährung sei nur ein Laienirrtum?

Wenn man diese kleine Broschüre gelesen hat – und man muß sie lesen –, dann kommt man langsam dahinter, dass die gesamte geistige Kriegsnahrung im Lande dasselbe gewesen ist wie das Dörrgemüse: Wiesenheu mittlerer Güte.

 

 

Ignaz Wrobel

Die Weltbühne, 29.12.1921, Nr. 52, S. 658.





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