Peter Ganter


Vielleicht besinnen Sie sich noch auf die Geschichte:

Im Jahre 1908 kam ein Mann auf den freundlichen Gedanken, den Roman ›Doppelte Moral‹ dadurch populär zu machen, dass er an viele hunderttausend Menschen in ganz Deutschland am selben Tag – am achtzehnten Dezember – den folgenden Brief expedierte (Anrede nach Maß):

 

»Mein verehrter Herr Dr.! Habe soeben den Tendenzroman ›Doppelte Moral‹ gelesen, unglaublich – ein Skandal schlimmster Art. Man sieht wieder, dass der Staatsanwalt da, wo erforderlich – versagt, denn sonst dürfte ein solches Buch nicht bis in die Öffentlichkeit dringen. Oder soll es politische Klugheit sein? Und wer mag nur hinter dem anonymen Verfasser stecken? Jedenfalls sind R. und H. auf das fürchterlichste mitgenommen und zur Klage direkt gezwungen. Werden auch Sie sich dieser Klage anschließen? Ich bin leider ebenfalls mit hineingezogen. Fürchterlich!

In Eile Ihr ergebenster

(Unterschrift unleserlich).«

 

Es soll damals recht heiter zugegangen sein. Die Leute saßen morgens verstört und mit kalkweißen Gesichtern in der Untergrundbahn; wenn man gut hinhörte, konnte man die Butter auf ihrem Kopf zergehen hören. Tiedtke stellt solchen Kummer bedrohter Ehrenmänner herrlich dar: eine Verlegenheit, die Streichhölzer schwitzt. Ein Summsen wie in einem Bienenschwarm entstand: sie hatten alle etwas am Stecken. Nur die Anfangsbuchstaben R. und H. paßten nicht ganz auf jeden – im übrigen war es ein Universalbrief. Die hübsche Idee fiel ins Wasser: sie war zu großzügig vorbereitet worden, denn der Trost, im tiefen Lustspielmalheur so viele Genossen zu haben, beruhigte die Leute bald wieder. (Heute würden sie einen ›Reichsverband der Doppelten-Moral-Geschädigten‹ gründen.) Die Reklame wurde erkannt, und das übrigens saudumme Buch ging nicht.

Der literarische Hauptmann von Köpenick anno 1908 hieß Peter Ganter. Und nun ... »Erfinden Sie das mal, lieber Spitta!« steht bei Hauptmann. Es ist die reine Wahrheit.

Dieser Peter Ganter wurde damals wegen groben Unfugs oder aus irgendeinem andern Paragraphen bestraft und ist seitdem verschollen. Und nun kommt zur ›Weltbühne‹ sein inzwischen herangewachsener Sohn und fragt ernst und ordentlich an, ob der ergebenst Unterzeichnete vielleicht Peter Ganter sei –

Nein. Ich bin es nicht. Ich bin kein Druckfehler, heiße Panter (mit P wie Pfreude) – und bin in keiner Weise identisch.

In Rumänien kannten wir eine Serbin, die war so hysterisch wie beschnurrbartet. Natürlich mußte Karlchen mit ihr etwas anfangen. Und sie klagte mir einmal ihr Leid: »Ich bin auch in diese Intrige gemischt!« sagte sie. Jetzt kann ich ihr nachfühlen.

Wenn aber diese Zeilen dem richtigen Peter Ganter zu Gesicht kommen, der nun wohl längst als Cowboy die Liebig-Ochsen mit dem Lasso jagt oder als mehrfacher Häuserbesitzer in Singapore die eintreffende weiße Ware im Privatkontor persönlich durchprüft oder in Aserbeidschan sich freut, dass kein Mensch weiß, wo das liegt – wenn ihm diese Seite zu Gesicht kommt, dann möge er milde lächelnd eine Ansichtskarte an seinen Sohn abschicken und mich von einem schrecklichen Quiproquo befreien. Eine Ansichtskarte mit folgenden Worten:

 

»Mein liebes Kind! Ist das dortige Publikum noch immer so dumm wie zu meiner Zeit? Wenn ja, nimm sie hoch, wie sie es verdienen. Wir sind hier fein dran: hier weiß das Publikum noch gar nicht, dass es eins ist – daher ist es noch dümmer. Und laß Pantern zufrieden – er kann nichts dafür.

Dein treuer Vater Peter Ganter.«

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 30.03.1922, Nr. 13, S. 334,

wieder in: Mit 5 PS.





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