Palais de Danse


Abends im Berliner Palais de Danse. Die tschechische Tänzerin wird zusehends munterer – sie geht auf, als ob man sie in warmes Wasser getaucht hätte. Es ist aber auch zu schön ... !

Der Saal erstrahlt im Stil Ludwigs des Kitschigen; dass die Kellner auf dem Bauch keine Ornamente tragen, ist ein Wunder. Vorn an der Tür steht: EINTRITT NUR IN GESELLSCHAFTSTOILETTE – aber kann man im Sakko nicht auch in Gesellschaft gehen? Wir sind immer fein, wa? Ob wir fein sind!

Die Kapelle hebt an. Es ist die beste Tanzkapelle Berlins (lieber S. J., morgen wird im »Berliner Revolverfutteral« stehen: »Wie Kommunisten Inserate ködern!«) – die kleine runde Badewanne, in der getanzt wird, ist einen Augenblick leer, das Parkett glänzt ... Mensch, diss Parkett hat was jesehn ... ! Und dann tanzt ein Paar.

Eine so aufmerksame Zuhörerschaft kann kein Parlamentarier haben, wie diese beiden. Sie: ganz nett – so von dem Typus: » ... aber sie hat hübsche Augen!« – und Er: ein lockengekräuselter, gebückter Strumpfwarenverkäufer. Er ist aber Berufstänzer. Sie tanzen gut, ohne dass es gut aussieht. Wippen auf dem Platz, ein paar lustige Schritte. Ungeheurer Applaus.

Ab.

Und wieder hebt die Kapelle an, und das Volk stürzt sich in die Arena. Die feinsten und die ältesten Damen Berlins. Woher die nur alle das Geld haben? Eine trägt einen wundervollen Pelz. Sicherlich echtes Reptil. Einer wogt vor Erregung der Busen. Soweit der kleine Vorrat reicht. Und los gehts.

Es wird unruhig, unruhig unter den Tänzern, unruhig im Publikum. Ich äuge – da tanzt ein mittelgroßer, fetter Mann in einem wundervollen Kaiserwilhelmgedächtnisgehrock – nein, da tanzt Gollnow. Der Mann legt einen Polka hin, dass alles schlicht begeistert ist. Er tanzt etwas, das es überhaupt nicht mehr gibt, etwas, das es wahrscheinlich nur in der Tanzstunde bei Petersen in Gollnow gegeben hat. So, mit Touren und Alleinrumdrehen und Pirouettieren, und jetzt – wahrhaftig! –, jetzt kniet sich der Fettbauch vor der Dame mitten im Tanz hin und jetzt wieder – und wieder. Der Saal erbraust. Und während wir uns noch freuen, steigt – du mein Preußen! – steigt ernsten Gesichtes der Stallmeister des Vergnügens in die Manege und verbietet dem Mann solche Kokolores. Der fügt sich und wedelt weiter in einem unmöglichen Polka dahin. Eins, zwei – eins, zwei – eins, zwei, drei, vier ... Schade. Es war eine Fächerpalme aus Papier.

Und die Jünglinge reißen die Nasenlöcher auf und schlenkern und schieben und hopsen und gleiten – je nach Bedarf. Und die Damen sind ganz in sich versunkene Lieder in Laub ... Und der Takt zuckt. Oben, an der Spitze des Bogens von dem Geigisten, hängen die Herzen. Und er zieht sie.

Um Punkt soundsoviel Uhr packen die Verursacher des Bachanals, die göttlichen Musiker, ihr Handwerkszeug zusammen. Denn alles ist in Berlin organisiert: die Musiker, die Kellner, die Lokale und die Lust.

Und wir gehen. Was war das? Es wurde getanzt, und einer dachte immer vom andern, der sei ein interessantes Bild, und schließlich waren sie wirklich alle zusammen eines. Na ... interessant ... Sie sind alle mit Spreewasser getauft: die Musiker, die Weine, die Manager und die Lust.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 27.01.1921, Nr. 4, S. 116.





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