Herausgeber oder Verleger?


Die Stimme des Herrn aus dem Nebenzimmer: Alle werf ich heraus! Der Redakteur (zuckt zusammen).

Karl Kraus


Der Verein Deutscher Zeitungsverleger will sich im Titel seiner Organisation ›Zeitungsherausgeber‹ nennen, und die Organisationen der Redakteure erheben dagegen Einspruch. Sie sagen, der Name ›Herausgeber‹ komme dem Verleger nicht zu – nicht er, sondern der Chefredakteur gebe die Zeitung heraus. Wie steht es damit?

In technischer Beziehung haben die Redakteure recht. In den meisten Fällen beurteilt wirklich der Chefredakteur mit seinen Redakteuren das Material, stellt es zusammen, streicht und fügt hinzu, redigiert und läßt redigieren. Und der Verleger?

Ich halte es für ehrlicher, wenn sich von nun an die Verleger ›Herausgeber‹ nennen. Denn näher betrachtet sind sie es.

Die Zeitung ist ein Geschäft. Sieht man von Partei-Organen ab, die es auch nicht grade von sich weisen, wenn aus ihren Zeitungen Überschüsse herausspringen, so haben wir es bei der Zeitung, wie sie heute ist, mit einer rein kapitalistischen Unternehmung zu tun, die in sehr geschickter Weise den Nachrichtendienst und die für den Warenmarkt nötigen Anpreisungen zu verquicken gewußt hat. Daß diese beiden Elemente aufeinander ohne Einfluß bleiben, ist ohne Beispiel. Die politische Tendenz des Verlegers, also des Blattes ist für ganz bestimmte Schichten von Lesern, also auch von Inserenten bestimmt; die geistigen und wirtschaftlichen Eigenschaften der Leserschaft und der Inserenten beeinflussen selbstverständlich die Redaktion.

Daß sich ein Redakteur zu einem ganz bestimmten Blatt meldet, beweist, dass er mit dessen Tendenzen einverstanden ist. (Ob das mit seinen innersten Überzeugungen übereinstimmt oder nicht, ist eine Sache für sich.) Der Redakteur weiß von vornherein, dass sich die Zeitung an die und die Leser (also auch Inserenten) wendet: er weiß von vornherein, was er sagen soll, und was er nicht sagen darf.

Im günstigsten Fall steht der Zeitung ein Chefredakteur vor, dessen Überzeugungen sich mit den wirtschaftlichen Interessen seines Verlages decken; dann wird er für seine Person durch Redaktion und persönliche Beeinflussung die Unterredakteure so lenken, wie er – und sein Verleger – das haben will. Bei sehr vielen kleinen Zeitungen – und nicht nur bei den kleinen – kümmert sich der Verleger selbst um den Inhalt seiner Zeitung.

Und das ist natürlich. Man denke sich einmal aus: Soll ein Unternehmer eine Zeitung halten und führen, die gegen seinen Willen, gegen seine Interessen, gegen seine Ansichten gemacht wird? Das gibt es nicht. Es ist seine Zeitung. Nicht die der Redakteure.

Man stelle sich nun die Zusammenarbeit zwischen Verleger und Redakteur nicht falsch vor. Vom bakelschwingenden Unternehmer bis zum geistigen Mitarbeiter gibt es unter den Verlegern alle Schattierungen: die normale wird wohl die sein, dass der Unternehmer in ständigem, vielleicht sogar freundschaftlichem Konnex mit dem Chefredakteur seine Zeitung überwacht. Solange er nicht in Kleinigkeiten hineinredet, sondern nur die allgemeine Tendenz wahrt, die ja der Redakteur schon vor der Anstellung gekannt und durch den Eintritt in das Unternehmen gebilligt hat – so lange mag das angehn. (Es ist allerdings nicht zu verkennen, dass die Mehrzahl der Verleger in ihren Redakteuren eine Art überbezahlter Schreiber sieht, die – im Vergleich mit den beträchtlich höher geschätzten Annoncen-Akquisiteuren – nur kosten, aber nichts einbringen. Die Behandlung ist entsprechend.)

Ich halte es für einen sachlich unangebrachten Stolz der deutschen Redakteure, sich durch den Versuch, ihren Brotherren den Titel ›Herausgeber‹ abzuerkennen, als unabhängig hinzustellen. Sie sind es keineswegs. Sie sind es nicht einmal bei den Partei-Organen, wo die Verhältnisse unter den von der Partei eingesetzten Kontroll- und Aufsichts-Organen durchaus unerquicklich liegen. Und sie sind es erst recht nicht bei den kapitalistischen Zeitungsunternehmungen.

Diese Abhängigkeit ist den im Dienst alt und grau gewordenen Redakteuren nicht mehr bewußt. Sie würden auf das höchste erstaunt und entrüstet sein, wenn man ihnen die Wahrheit sagte: dass sie nur das schreiben, was den Verlagsinteressen nicht zuwiderläuft. Schlimmer: dass sie auch nur noch das denken. Korruption ist das nicht. Die persönliche Ehrenhaftigkeit des deutschen Redakteurs soll nicht angetastet werden. Es ist viel schlimmer als Korruption.

Es ist so, dass der deutsche Redakteur vom Unternehmer vollkommen abhängig ist. Bei der ›Frankfurter Zeitung‹ hat man nicht diesen Eindruck. Aus meiner berliner Tätigkeit ist mir nur ein einziger Fall bekannt, wo ein sehr tapferer, junger Redakteur ein Blatt fast ohne seinen Chefredakteur und fast gegen seinen Verleger redigiert. Und auch da ist es ohne Kompromisse nicht abgegangen.

Ob der Verleger selbst unabhängig oder ob auch er nur der Vordermann einer Industriegruppe ist: das spielt den Redakteuren gegenüber keine Rolle. Sie sind auf keinen Fall unabhängig. Man ist heute schon froh, wenns der Verleger wenigstens nominell ist, und wenn nicht die Zeitung eine höchst gefährliche Waffe in den Händen irgendeines Konzerns ist.

Der Verlegerinteressen sind viele. Da gilt es, den Kaufmann nicht vor den Kopf zu stoßen oder den Landwirt nicht; in vielen Blättern, deren Abonnenten–, also Inserenten-Kreis sich hauptsächlich aus Städtern zusammensetzt, darf wohl das Land, aber nicht die Stadt der Wirtschaftssabotage bezichtigt werden; hier wird der Börsenspekulant geschützt und da der Mieter; und am gefährlichsten sind wohl jene Blätter, deren Verleger es aus Geschäftsrücksichten allen recht machen wollen: der Familie, den Kosmopoliten, den Freihändlern und den Agrariern. Hier sind die Redakteure am übelsten dran.

Sie sollten es einsehen. Der Unfug, den jüngst ein Herr A. K. Kober unter dem Titel: ›Die Seele des Journalisten‹ veröffentlicht hat, ist ein ideologisches Gemenge von Feuilleton und Größenwahn, das in der Zeitung so eine Art Heiligtum des Lebens erblickt. Mit Schmockereien ist diese ernste Frage nicht zu lösen.

Eine Zeitung kann ungeheure Wirksamkeit haben – aber nie gegen den Inserenten. Das gibt es nicht, hat es nicht gegeben und kann es auch nicht geben. Ganz abgesehen von der politischen Tendenz gibt es bei der Zeitung, wie sie sich heute darstellt, keine objektive und freie Meinung. Die Herren mögen von dem Pferdchen ihrer Standesehre herunterklettern. Denkt nach: Kümmert sich der Verleger um die Briefe, die ihm von tadelnden Lesern zugehen, oder nicht? Machen auf ihn Massenbeschwerden, machen auf ihn Massenabbestellungen Eindruck oder nicht? Wird er nunmehr darauf dringen, dass die Ursache dieses Abonnentensturzes fortfällt oder nicht? Wird er sich also in die Redaktionsgeschäfte mischen oder nicht? Er wird es.

Und es ist kein Vorwurf ob mangelnder Mannhaftigkeit gegen die Redakteure zu erheben. Der Verleger wird immer letzten Endes sagen: »Ich habe Sie, meine Herren, nicht angestellt, der Göttin Wahrheit zu dienen, sondern – gewiß unter Wahrung Ihrer persönlichen Würde – meinem Geschäft. Paßts Ihnen nicht – gehen Sie!« Und er hat recht. Er hat ein Geschäft und kein Heiligtum – er hat eine Zeitung und keinen Philosophenkongreß.

Und er bleibt – das ist unbequem, schmerzlich, aber wahr – letzten Endes der wahre Herausgeber.

 

 

Ignaz Wrobel

Die Weltbühne, 14.07.1921, Nr. 28, S. 32.





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