Das Bildnis


Dies ist die Geschichte vom ›Bildnis‹, wie sie in dem Buche von Gogol mit Bildern von W. Masiutin (im Verlage von Julius Hoffmann zu Stuttgart) geschrieben steht:

Der junge Maler kauft bei einem Trödler ein merkwürdiges Bild – das Porträt eines seltsamen Kerls mit glostenden sdwarzen Augen. Dem Künstler geht es miserablicht: aber nachts, als er schläft, steigt der seltsame Kerl aus seinem Bilderrahmen, tanzt im Zimmer umher, fletscht die Zähne – nur zwei zu Tode erschrockne Augen starren dich aus einer Bettdecke an – und hantiert mit Geldrollen. Rollen mit Dukaten ... Und so große Angst der junge Maler hat: er greift nach einer und behält eine. Und erwacht. Ein Traum –? Sicherlich – denn die Rolle ist weg.

Am nächsten Tag wird er gepfändet – der Gerichtsvollzieher will auch jenes Bildnis fortnehmen, greift es zu hart an, der Rahmen zerbricht, und heraus fällt eine Rolle mit viel Geld: mit 1000 Dukaten. Und nun hat der Maler Geld.

Und Erfolg. Von Stund an Erfolg, wie es eben im Märchen ist. Aber was dann kommt, ist gar kein Märchen, Geld verdirbt. Und langsam, unheimlich langsam, kaufen sie dem erfolgreichen Künstler die Seele aus dem Leibe: er akkommodiert sich, macht Konzessionen, läßt Härten fort, richtet sich nach der Kundschaft – und geht den großen, breiten Weg zum Glück. Und er hat viel Geld.

Und ist sehr glücklich ...

Bis er eines Tages das Bild eines neuen Mannes sieht, der grade aufgetaucht ist. »Von seinen Augen fiel die Binde. O Gott! Wie hatte er nur die besten Jahre seiner Jugend so grausam zugrunde richten und den Funken des Feuers verlöschen lassen können, das vielleicht in seiner Brust gebrannt hatte, das sich vielleicht jetzt in Schönheit und Majestät entwickelt und ebenso Tränen der Bewunderung und des Dankes hervorgerufen hätte wie jenes Bild!« Und geht nach Hause und will dem Neuen, dem Echten da nacheifern. Und kann es nicht mehr. Es ist vorbei. Und dann sieht er das merkwürdige Bild mit den schwarzen Augen, das schuld ist an seinem unglücklichen Glück – und stürzt sich auf das Bild und zerreißt es – und kauft sich für sein Geld alle schönen Bilder, deren er habhaft werden kann, und zerstampft sie – kann er schon nichts mehr Gutes machen: die andern sollens auch nicht! Und wird wahnsinnig und stirbt.

Das steht, mit einer schwachen zweiten Partie, die ich hier nicht erzählt habe, in Gogols Novelle ›Das Bildnis‹. Es ist eine lehrreiche Novelle, und die feinen Bilder des russischen Graphikers zieren das schöne Buch. Es sind sehr gute Illustrationen, wundervoll durchzeichnet und schlagend scharf.

Und es gibt vielleicht einen oder den andern unter euch, der sich durch die Novelle getroffen fühlen dürfte. Dem sei sie recht herzlich empfohlen.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 13.01.1921, Nr. 2, S. 56.





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