Der Bayer mit dem Schießgewehr


Don Quichote war ein wirklicher Ritter – nur gaben die Beine mit dem Podagra nicht her, was der Kopf voll von Idolen plante.

Der dicke Bahnhofskommandant aus dem Kriege, Hauptmann und Königlicher Baurat, war ein verkleideter Spießer, mit all den Ambitionen eines Ritters, ohne ein einziges seiner wahren Attribute. »Kommis mit der Hellebarde« hat Karl Kraus die Gattung genannt, die heute noch bei uns den Pegel der Memoirenflut bestimmt.

Tartarin aber, der gute, dicke, alte Tartarin aus Tarascon – seliger Victor Arnold, das wäre eine Rolle für dich gewesen! – Tartarin ist beides: Don Quichote und Sancho Pansa, stolpernder Bramarbas und Hauptmann der Reserve aller Nationen, Kind und Männchen und Südfranzose nicht zuletzt.

Der Verlag Erich Reiß hat das hübsche alte Büchlein von Alphonse Daudet neu herausgebracht (in einer merkwürdig schwachen Übertragung des sonst so formgewandten Klabund). Und George Grosz hat das Buch illustriert.

Man kann den Tartarin heute ironisch illustrieren – Paul Scheurich würde das reizend machen –, und am lustigsten wäre wahrscheinlich, man nähme sich alte Reisebeschreibungsholzschnitte der achtziger Jahre her: aber man kann das Ding auch ganz anders anfassen.

George Grosz (dessen vollständiges Oeuvre ich wohl besitzen möchte) seziert den Helden unerbittlich – nicht ein Faden bleibt heil. Das ist nun an sich keine Heldentat, denn der gute Tartarin ist grade kein erschrecklicher Held – aber es ist auch gar nicht mehr Tartarin allein, der da verhohnepipelt wird. Die Schläge fallen und treffen eine ganze gens:

Die Familie der blutgierigen Spießer. Niemand ist ein solcher Sadist wie der verdauende Bürger – und wir haben ja oft genug das Schauspiel erlebt, dass der unversehens zur Macht gerutschte Familienvater und Kartonagenfabrikant viel blutdürstiger und grausamer ist als der schlimmste deutsche U-Boot-Kommandant oder der französische Gefangenenschinder, und dass Noske allemal übler ist als Hindenburg. Von Bayern, wo der Miesbach fließt, zu schweigen.

Item: die gut assortierten Gesichter der Tarasconesen bergen Schreckliches – und Grosz macht die Köpfe einfach auf, um zu zeigen, was in ihnen ist: Mord, Tod und Plünderung, Brigantenstecherei und Hackebeile, Trichterpistolen und Helmspitzen, Horridoh! Hep-hep! Heil! Zivio! Jags ihm eini! Immer feste druff!

Und die Illustrationen geben genau wieder, wie dieses nerohafte Jammergestell in Afrika herumwankt, Esel schießt und Hafenmädchen auf den fetten Knien schaukelt, von einem Levantiner finsterster Observanz hineingelegt wird und dann strahlend in den teuern Heimatport zurückkehrt: bejubelt von einer begehrockten Einwohnerschaft, von den extra zu diesem Zweck bereitgestellten Ehrenjungfrauen und vielen aus den Fenstern herausgehängten Bettvorlegern.

Wer ist das? In der Fremde blamiert, übertölpelt, geschlagen und geprügelt, verachtet, ausgelacht und verjagt – zu Hause ein Held mit geschwellter Brust? Mit Hurra begrüßt auf allen Bierbänken, Vogelwiesen und Tannenberg-Feiern? Wer ist das? Kennen wir ihn nicht? Erleben wir das nicht? Blickt nicht eine Nation von gläubigen Tarasconesen ihren zurückgekehrten Helden auf die triumphierenden Bäuche, und heben diese nicht an, wie Daudet schließt: »Stellen Sie sich vor, meine Herren, eines Abends, mitten in die Wüste Sahara – da ... «? Und keiner weiß mehr, wie sich die Helden draußen, in der weiten Welt, bekleckert haben.

Weil wir gerade von Lindström-Ludendorff, Tirpitz und Karlchen Helfferich reden: kauft euch das kleine Buch mit den vielen hübschen Bildern. Es ist so alt und so neu.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 22.09.1921, Nr. 38, S. 302.





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