Erhaben - Künstler des Erhabenen


Es ist also nicht genug, dass der Künstler von der Natur die Anlage zum Erhabenen bekommen habe. Die Zeiten, darin er lebt, die Gegenstände, womit er sich beschäftigt, der Nationalcharakter seiner Zeitverwandten und noch mehrere zufällige auf das Genie wirkende Dinge, müssen die glücklichen Anlagen unterstützen. Corneille, der die tragische Bühne in Frankreich zuerst in Würde gebracht, hatte gewiss die besten Anlagen zum Erhabenen, aber wie oft ist er nicht bloß schwülstig, wo er hätte erhaben sein können? Dieses ist den romanhaften Begriffen der ritterlichen Tapferkeit, die damals noch übrig waren und bisweilen dem, was die Galanterie seiner Zeit abenteuerliches hatte, zuzuschreiben. Daher geschah es, dass er einige Mal schwülstig oder platt wurde, wo er groß zu sein glaubte. Was kann abgeschmackter sein als folgende Stelle.

 

Jason ne sit jamais de communes maitresses, Il est né seulement pour charmer des Princesses, Et haï roit l'amour s'il avoit sous sa loi Rangé de moindres cœurs que des filles de Roi. [Medée Act. Sc. 1.]

 

Und doch hat dieses der Mann geschrieben, der in demselben Aufzug die Medea, auf die Vorstellung ihrer Vertrauten:

 

Votre païs vous hait, votre époux est sans soy Dans un si grand revers, que vous reste - t - il?

 

die wahrhaftig große und erhabene Antwort geben lässt:

 

Moi!

 

Und wenn in dem Cid desselben Dichters Don Rodrigue seinem Vater, auf die Frage: Hast du auch Herz mein Sohn? die trotzige, abgeschmackte Antwort gibt: jeder andere als mein Vater, sollte sogleich die Probe davon sehen! So sieht man wohl, dass dieses weniger dem Dichter als den Vorurteilen seiner Zeit zuzuschreiben ist.

Man kann von der Natur die Anlage zu einem großen Geist und Gemüt erhalten haben und sich dennoch von dem Kleinen und Niedrigen, das in den Sitten und in der Denkungsart seiner Zeitgenossen herrscht, hinreißen lassen. Hat nicht Miltons erhabener Geist, durch eine elende Schultheologie verführt, der göttlichen Majestät selbst Reden in den Mund gelegt, die ins niedrige fallen? Und haben nicht die Götter des großen Homers, wie Cicero richtig anmerkt, alle Schwachheiten der Menschen an sich? Also müssen die Anlagen zum erhabenen Genie von außen her unterstützt werden. Der große Verstand, der erhabene Wahrheiten vortragen soll, muss, wie bei Pope und Haller, von wahrer Philosophie unterstützt werden; Reichtum und Feuer der Phantasie, von Kenntnis dessen, was in der Natur groß und schön ist. Mit dem Verstand und dem großen Gemüt eines Demosthenes oder Cicero würde ein Redner in Sybaris wohl Spitzfindigkeiten, aber nichts Großes hervorgebracht haben. Unwissenheit und Aberglauben, wenn sie national sind, hemmen den größten Verstand, erhabene Wahrheiten zu lehren; und sittliche oder politische Sophisterei, die herrschend worden, die erhabenen Gesinnungen.

Der erhabene Künstler wird also nicht bloß durch die Natur gebildet, die Umstände darin er sich befindet, müssen dem großen Genie eine völlig freie Entwicklung gestatten. Verstand und Herz müssen ihre Wirksamkeit ungehindert äußeren können. Dem besten Genie werden durch die Niedrigkeit aller Gegenstände, womit es umgeben ist, Fesseln angelegt.

Unsere Zeiten sind durch sich selbst dem Erhabenen, in Absicht auf die Vorstellungskräfte, wegen der Kultur der spekulativen Wissenschaften und der Naturlehre, ganz vorteilhaft und was ihnen in Ansehung des Sittlichen und des Politischen fehlt, kann doch noch einigermaßen durch die Bekanntschaft, die wir mit den alten Griechen und Römern, den freiesten und in den Äußerungen der Sinnesart ungehindertsten Völkern, haben, ersetzt werden.

Wenn das Genie des Künstlers auf diese Weise die Fähigkeit, sich zum Erhabenen emporzuschwingen, bekommen hat, so müssen in den besonderen Fällen auch noch besondere Ursachen vorhanden sein, die ihm eine stärkere Reizbarkeit geben; denn große Gedanken und Empfindungen entstehen nur bei wichtigen Veranlassungen. Es ist nicht möglich über kleine Sachen groß zu denken, noch bei gleichgültigen oder geringschätzigen Geschäften groß zu handeln. Nur dann, wenn der Künstler durch die Größe seiner Materie in Begeisterung gesetzt worden, wird das Erhabene, dessen er fähig ist, in seinem Verstand oder in seinem Herzen hervorbrechen. Hat er in diesen Umständen den Ausdruck, nach Maßgabe seiner Kunst, in seiner Gewalt; besitzt er als ein Maler die Zeichnung als ein Tonsetzer Harmonie und Gesang als ein Redner die Sprach, so tut dann die Natur das übrige. Das wichtigste ist Erhaben zu denken und zu fühlen; nach diesem aber muss man sich auf eine den Sachen angemessene Weise ausdrücken können. Es kann etwas wirklich Erhaben sein und durch die Art, wie es sich zeigt oder durch das schwache Licht, darin es erscheint, merklich von seiner Größe verlieren. So wird in der so eben angeführten Stelle aus der Medea das erhabene Moi, durch den Zusatz, Moi, vous die - je, et c' est assetz, wirklich geschwächt.


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