Episode

Episode. (Dichtkunst) So nennte man ehemals, nach des Aristoteles Bericht, die Szenen des Drama, die zwischen den Gesängen des Chors aufgeführt wurden; denn das Wort bedeutet ursprünglich etwas, das nach dem Gesang oder zwischen den Gesängen steht. Anfänglich bestand die griechische Tragödie, so wie die Komödie, bloß aus einem festlichen Gesang eines oder mehreren Chöre; nachher aber stellte man zwischen den Gesängen eine Handlung vor, die daher den Namen Episode bekam. Die Neueren drücken durch dieses Wort sowohl in dem dramatischen als epischen Gedichte solche Vorstellungen aus, die in den Zwischenraum, wo die Erzählung oder Vorstellung der Handlung unterbrochen wird, eingeschaltet werden. So gibt Homer im zweiten Buch der Ilias währender Zeit, dass beide Heere sich in Schlachtordnung stellen, davon er die Umstände nicht erzählen wollte, eine Beschreibung der ganzen Seemacht der Griechen; und im III Buch, da beide Heere gegen einander stehen, die Ankunft des Priamus erwarten und feierliche Opfer zurüsten, führt uns der Dichter inzwischen nach Troja zu der Helena: dergleichen Zwischenvorstellungen nennt man gegenwärtig Episoden. Bisweilen nennt man auch, nicht nur in der Dichtkunst, sondern auch in Gemälden, gewisse Nebensachen, die keine notwendige Verbindung mit der Hauptsache haben, episodische Auszierungen.

 Die Episoden lenken die Aufmerksamkeit eine Zeitlang von der Hauptvorstellung ab und verursachen in der Handlung Ruhestellen, auf welchen die Vorstellungskraft sich durch Gegenstände einer anderen Art erholt oder, weil es nicht möglich oder nicht schicklich war, ihr das, was inzwischen geschieht, vorzulegen, mit etwas anderen beschäftigt wird. In großen und etwas verwickelten Handlungen geschieht es meistenteils, dass Dinge vorkommen, die im Drama nicht vorgestellt und im epischen Gedicht nicht wohl können erzählt werden. Damit aber weder die Handlung, noch die Erzählung dadurch völlig still stehe, wird unterdessen etwas Episodisches in die Handlung oder Erzählung eingemischt.

 Die Episoden können auch noch aus einem anderen Grund notwendig werden; nämlich da, wo zweierlei ganz interessante Vorstellungen von entgegen gesetztem Charakter auf einander folgen müssten. Da kann eine dazwischen gesetzte Episode den Geist und das Gemüt nach und nach in eine andere Fassung bringen und zu dem folgenden vorbereiten. Dieses beobachten auch die Tonsetzer, die, wo es nicht die Natur der Sache ausdrücklich erfordert, nie von einem Ton in einen anderen sehr gegen ihm abstechenden herüber gehen, ohne das Gehör durch einen dazwischen liegenden geführt zu haben, der das Gefühl des ersteren schwächt und dadurch zu dem folgenden vorbereitet.

 Es würde aber sehr unschicklich sein, wenn die Materie der Episode der Hauptmaterie ganz fremd wäre: sie muss eine genaue Beziehung auf die Hauptsache haben und recht zu gelegener Zeit kommen. Sie muss in den Charakter der Hauptsache hineinpassen und etwas enthalten, wodurch die Hauptvorstellung gewinnt oder besonders einige Erläuterung bekommt, die sonst nicht wohl schicklich hätte können angebracht werden. Dadurch werden die Episoden so genau in den Stoff der Handlung eingewebt, dass man sie ohne Schaden nicht heraus nehmen könnte.

 


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