Edel

Edel. (Schöne Künste) Man nennt in allen Gattungen sittlicher Dinge, die den Geschmack betreffen, dasjenige edel, was sich von dem Gemeinen seiner Art durch einen erhöhten Geschmack unterscheidet. Das Edle im metaphorischen Sinn scheint allemal sich auf etwas Sittliches zu beziehen; denn man hört nie von edlem Verstand oder von edler Überlegung, sondern von edlem Betragen, von edlen Gesinnungen sprechen. Eigentlich liegt also das Edle in den Empfindungen, welche gemein oder auch unedel sind, wenn sie durch keine Überlegung, durch keinen verfeinerten Geschmack, der das bessere dem schlechtern, das wohlschickliche dem weniger schicklichen, das wohlanständige dem weniger anständigen vorzieht, erhöht worden.

  Demnach besteht das, was den Geschmack und die Sinnesart edel macht, darin, dass man bei ästhetischen und sittlichen Gegenständen das, was feiner, schöner, überlegter, schicklicher, mit einem Worte, vollkommener ist, dem weniger vollkommenen nicht nur vorzieht, wenn beide vorhanden sind, sondern das Vollkommenere bei Empfindung des Unvollkommeneren sucht und fühlt. Es gibt Menschen, denen in Absicht auf die erwähnten Arten der Gegenstände fast alles gleichgültig ist; die nicht empfinden, dass eine Art sich auszudrücken feiner und ausgesuchter ist als eine andre; dass ein Ton der Stimme vor dem anderen etwas gefälliges hat; dass einige äußerliche Manieren vor anderen etwas vorzügliches haben: diese Menschen sind von gemeinem, nicht edlen Geschmack. Diejenigen, die alle Empfindungen ohne Überlegung und ohne Wahl äußern, die darin weder Anstand, noch Grade, noch Verhältnis empfinden, sind Menschen von gemeiner, nicht edler Sinnesart.

 Es erhellt sich daraus, dass die Betrachtung des Edlen der Theorie der schönen Künste wesentlich zugehöre. Denn da sie unmittelbar auf die Erhöhung und Verfeinerung der untern Seelenkräfte, folglich auf die Veredlung derselben abzielen, so muss das Edle notwendig eine Eigenschaft jedes Gegenstandes der Kunst sein, das unedle, niedrige oder gemeine kann in den schönen Künsten nicht anders als zum Gegensatz und zur Erhöhung des Edlen gebraucht werden, so wie der Schatten zur Erhöhung des Lichts dient.

 Es ist also eine allgemeine und wesentliche Regel, dass in den Werken der schönen Künste alles edel sein müsse, außer dem Fall, da man zu Erhöhung des Edlen, mit guter Wahl, dem Unedlen einen Platz vergönnet. In den Werken des Geschmacks muss alles und jedes von einer Wahl zeugen, durch welche der Künstler das Vollkommene in jeder Art dem Unvollkommeneren vorgezogen hat. Was nicht deutliche Spuren dieser Wahl an sich hat, ist in Absicht auf den Geschmack ein schlechtes Werk. Das Unedle aber kann da gebraucht werden, wo Spott oder Verachtung zu erwecken ist. Dazu hat Homer seinen Thersites und so manchen unedlen Menschen unter den Freiern der Penelope gebraucht, und aus dieser Absicht hat Buttler in seinem Hudibras nichts als niedrige und unedle Personen und Auftritte gewählt; beides zeugt von Wahl und Geschmack. Aber wenn Paul von Verona, wenn Rembrand und so mancher Niederländer in ernsthaften Vorstellungen Personen, die nichts verächtliches haben sollen, von niedrigen und unedlen Gesichtsbildungen, Gebärden, Stellungen und Handlungen einführen, so ist es Mangel der Wahl und der Empfindung des Edlen.

 Dass auch Kenner der Kunst von so vielen Gemälden niederländischer Meister, darin man das Edle ganz vermisst, mit großem Lobe sprechen, dass solche Stücke von Sammlern sehr hoch gehalten werden, beweißt nichts gegen den vorher angenommenen Grundsatz des Geschmacks. Man schätzt solche Werke deswegen, weil darin Teile der Kunst, nämlich die Haltung und das Kolorit in der Vollkommenheit erscheinen.

 Das Edle zeigt sich entweder in der Sache selbst oder in der Art des Vortrages; beides muss immer zusammen sein. Ein edler Gedanken kann durch einen schlechten Ausdruck verdunkelt werden, die edelste Handlung durch eine schlechte und gemeine Art, viel von ihrem Wert verlieren; ein Gebäude von edlem und großem Ansehen, insofern man es im ganzen betrachtet, kann durch überhäufte, gemeine und pöbelhafte Verzierungen schlecht werden. Darum sollen nicht nur edle Gegenstände gewählt, sondern auch das Zufällige darin ihrer edlen Natur richtig angemessen werden.

 Jeder Künstler hat sich unaufhörlich zu bestreben, seinen Geschmack und den sittlichen Teil seiner Seele immer mehr zu veredeln. Denn obgleich das Gefühl, wodurch wir schnell und oft uns selbst unbewusst, das edlere dem gemeinern vorziehen, eine Gabe der Natur ist, so kann es doch durch Übung und Studium sehr gestärkt und allmählich zur Gewohnheit gemacht werden.

 Wer das Glück hat, von Jugend auf mit Menschen von feinerem Gefühl und einer edleren Lebensart umzugehen, dessen Geschmack wird allmählich zu dem edleren gebildet. Wer aber von dem Glück diese Wohltat nicht erhalten hat, der muss desto aufmerksamer das Genie und den Geschmack der besten Werke der Kunst alter und neuer Völker studieren. Mit Vorbeigehung aller Schriftsteller und Künstler, die nur einen zufälligen Ruhm, aus irgend einem mechanischen Teil derselben oder nur einen vorübergehenden Beifall erhalten haben, muss er sich an die ersten und klassischen Männer jeder Art halten; an die, die nicht bloß bei ihrer Nation, sondern bei allen Völkern, wo der Geschmack aufgekommen ist, für die ersten in ihrer Art gehalten werden. Für junge, noch ungebildete Genie, wenn die Natur sie nicht vorzüglich bedacht hat, ist es allemal gefährlich, gutes, mittelmäßiges und schlechtes durch einander zu lesen oder zu sehen. Es gehört ein ausnehmendes Genie dazu, sich nach schlechten Mustern zu bilden, und gut zu werden.

  Der deutsche Künstler hat vorzüglich nötig, seinen Geschmack durch fleißiges Studium der Alten, und der größten Ausländer zu bilden. Hat Horaz seinen Römern sagen dürfen, dass sie die griechischen Muster nie aus den Händen lassen sollen, so kann auch ein Deutscher seine Mitbürger an fremde Schulen verweisen.

 Man würde es vergeblich leugnen, dass Deutschland im Ganzen genommen, in Ansehung des Edlen in dem Geschmack, bis jetzt noch weit, nicht nur hinter den Alten, sondern auch hinter mancher neueren Nation zurück bleibe. Dieser Mangel ist in den redenden Künsten noch weit fühlbarer als in den anderen. Die meisten Deutschen arbeiten für den Geschmack in den ersten Aufwallungen eines jugendlichen Genies und hören zu der Zeit auf, da sie hätten anfangen sollen. Selten bekommt man das Gefühl des Edlen in den Hörsälen der Universitäten und in dem Umgang mit der jüngern Welt, welche zu lebhaft empfindet, um immer fein zu wählen. Eine edlere Art zu denken und zu empfinden erlangt man allgemein erst alsdann, wenn man alle Arten der sittlichen und ästhetischen Gegenstände vielfältig und sehr öfters vor Augen gehabt, und den verschiedenen Ton ähnlicher Gegenstände genau bemerkt hat.

  Dieses sei nicht gesagt, um jemanden, der, noch nicht völlig reif, sich in redenden Künsten öffentlich gezeigt hat, zu tadeln oder zu beleidigen; denn die Absicht dieser Anmerkungen geht bloß dahin, einigen unserer schönen Geister diese wichtige Erinnerung zu geben, dass sie, da es ein Hauptteil ihres Berufs ist, einen edlen Geschmack und eine edle Sinnesart unter ihrer Nation auszubreiten, ein so wichtiges Werk nicht eher unternehmen sollen, bis sie selbst diese schönen Wirkungen der Künste an ihren eigenen Gemütern erfahren haben. Weder das Feuer des Genies, noch eine lebhafte Einbildungskraft, noch starke Empfindungen, sind dazu hinreichend. Das feine Gefühl der besten Art zu handeln und seine Empfindungen zu äußern, dieses Gefühl, das die, nie deutlich zu zeichnenden Grenzen, zwischen dem gemeinen und dem edlen, zwischen dem feinen und dem gröbern, zwischen dem gezwungenen und dem natürlichen, sicher empfindet, ist die Frucht eines langen und scharfen Nachdenkens und eines sehr anhaltenden Beobachtungsgeistes.

  Nirgends zeigt sich aber der Mangel des Edlen sichtbarer als auf der deutschen Schaubühne, wo es überaus selten ist, dass ein deutscher Patriot ohne rot zu werden, Leute von feinem Geschmack unter den Zuschauern erblickt; so sehr oft fallen sowohl die Dichter als die Schauspieler in das gemeine und wohl gar in das pöbelhafte; oder auch in das verstiegene und in das kindische. Wir haben also sehr große Ursache, die alten und die besten der neueren Ausländer noch nicht von der Hand zu legen, sondern sie so lange zu Mustern zu nehmen, bis unser Geschmack eine reifere Ausbildung wird bekommen haben.

 


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