Eingeständnis

Eingeständnis. (Beredsamkeit) Eine rhetorische Figur,1 die in Beweisen und Widerlegungen mit großem Vorteil kann gebraucht werden. Wenn man nämlich merkt, dass dem Zuhörer noch ein Zweifel gegen das, was man bewiesen hat, übrig bleibt, der aber kann gehoben werden, so wird er desto sicherer gehoben, wenn man seine Richtigkeit oder sein Gewicht eingesteht. Zum Beispiel kann folgende Stelle2 dienen. »Man muss in dem Staatskörper, um das Ganze zu erhalten, den Teil, der mit einem um sich fressenden Krebsschaden angesteckt ist, ganz abtrennen. Ein harter Ausspruch; ich gestehe es. Aber viel härter ist dieser: Man erhalte die Nichtswürdigen, die Bösewichte, die Gottlosen und vertilge dadurch die unschuldigen, die guten und rechtschaffenen Bürger, die ganze Republik.«

 Etwas auf diese Art eingestehen, ist im Grund nichts anders, als einen Schritt rückwärts tun, um desto weiter vorwärts zu springen. Man sieht, dass das Eingeständnis, dura vox, der Rede eine größere Kraft gibt. Denn wenn das schon hart ist, Böse zu bestrafen, wie viel härter ist es nicht, Gute zu unterdrücken.

 Wenn bei dem Eingeständnis noch ein Spott ist, so wird seine Kraft noch größer, wie in folgendem Beispiel. »Wir sind (wie du vorgibst) in unseren Meinungen nur wenig und geringer Sachen halber aus einander. Ich bin diesem gewogen, du jenem. Freilich hat die Sache weiter nichts auf sich als dass ich für den D. Brutus , du für den M. Antonius redetest.«3 Torquatus, der Ankläger des P. Silla, hatte dessen Verteidiger dem Cicero vorgeworfen, dass er herrschsüchtig sei und hat ihm so gar den verhassten Namen eines Königs gegeben. Cicero zeigt die Ungereimtheit dieser Verleumdung und schließt mit folgendem Eingeständnis. »Künftig also wirst du mich weder einen Fremdling noch einen König nennen – – Es sei denn, dass dir dieses königlich scheine, wenn man nicht nur keinen Menschen, sondern auch so gar keine Begierde über sich will herrschen lassen; wenn man über alle Lüste weg ist; und weder Geld, noch Güter, noch andere Dinge dieser Art vermisst: wenn man im Senat seine Meinung frei sagt; den Nutzen des ganzen Volks seinen Neigungen vorzieht, keinem Menschen aus Schwachheit nachgibt und sich sehr vielen widersetzt – Wenn du das für königlich hältst; denn gebe ich mich für einen König aus.«4

 

________________

1 Concessio.

2 In reip corpore, ut totum salvum sit, quicquid est pestiferum amputetur. Dura vox. Multo ilia durior: Salvi sint improbi, scelerati, impii: deleantur innocentes, honesti, boni, tota respublica. Cic. Philip. VIII. c. 5.

3 Parva anim mihi tecum, aut de parva re dissensio. Ego huic videlicet faveo, tu illi. Immo vero ego D. Bruto faveo, tu M. Antonio. Cic. in derselben Rede.

4 Neque peregrinum post hæc me dixeris neque regem. Nisi forte regium tibi videtur ita vivere, ut non modo homini nemini, sed ne cupiditati ulli servias, contemnere omnes libidines, non auri, non argenti non cæ terarum rerum indigere: in senatu sentire libere, populi utilitati magis consulere quam voluntati, nemini cedere, multis obsistere. Si hoc putes esse regium, me regem esse confiteor. Or. pro P. Silla.

 


 © textlog.de 2004 • 05.07.2020 02:29:45 •
Seite zuletzt aktualisiert: 23.10.2004 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright  A  B  C  D  E  F  G  H  I  J  K  L  M  N  O  P  Q  R  S  T  U  V  W  Z