Eingang

Eingang. (Beredsamkeit) Der Eingang der Rede ist dasjenige, was der Redner gleich im Anfang der Rede zu Vorbereitung des Zuhörers und zu Erweckung der Aufmerksamkeit und eines geneigten Gehörs vorträgt. Es ist eine so natürliche Sache, der Rede einen Eingang vorzusetzen, dass auch diejenigen, welche niemals über die Beredsamkeit nachgedacht haben, einen Eingang machen, so oft sie etwas vor Gerichte vortragen.

 In der Tat ist es widersinnig, wenn man ohne alle Vorbereitung gleich die Hauptsache vorträgt, und man läuft dabei Gefahr, dass der, mit welchem man zu reden hat, nicht so gleich Achtung gebe und also den Vortrag der Hauptsache überhöre. Daher kommt es, dass jedermann, aus einem dunkeln Gefühl der Notwendigkeit einer Vorbereitung, so oft die Unterredung auf einen neuen Gegenstand gelenkt wird, etwas zur Erweckung der Aufmerksamkeit sagt, als: Aber nun auf etwas anders zu kommen: Bei dieser Gelegenheit fällt mir ein; oder etwas dergleichen.

 Es gibt aber dennoch Fälle, wo der Redner sich eines förmlichen Einganges überheben kann. Dieses hat allemal statt, wo er weiß, dass der Zuhörer schon hinlänglich vorbereitet ist, ihn anzuhören; wo er der Aufmerksamkeit schon vorher gewiss ist.

Nach der Absicht des Einganges muss der Redner also dadurch den Zuhörer für seine Person und für seine Sache vorteilhaft einnehmen. Dieses kann auf unzählige Arten geschehen. Quintilian1 setzt dreierlei verschiedene Wirkungen, die durch den Eingang können erhalten werden, dass der Zuhörer dem Redner gewogen, dass er aufmerksam, dass er für die Sache eingenommen werde. Die Alten haben die Erfindung eines guten Einganges für so wichtig gehalten, dass die Lehrer der Redner allgemein hierüber sehr weitläufig sind. Man sehe, um nur ein Beispiel anzuführen, wie genau Hermogenes in diesem Stück ist.2 Aber die Regeln helfen hier wenig; es kommt alles auf eine gesunde Urteilskraft des Redners an und auf eine genaue Kenntnis der Sinnesart seiner Zuhörer in Ansehung der Sache, die er vorzutragen hat. Dass ein Redner Gehör finde oder nicht; dass er seine Zuhörer überzeuge oder nicht, hänget gar oft von einer kaum merklichen Kleinigkeit ab. Es erfordert einen großen Kenner des menschlichen Herzens und in jedem besonderen Fall der Personen und der Umstände, um diese Kleinigkeiten, die der Sache helfen oder sie verderben, zu entdecken.

 Die Urteile der Menschen sind gar selten Erfolge der Überlegung oder der richtigen Bemerkung der Dinge, von denen die Wahrheit des Urteils abhängt: in den meisten Fällen entstehen sie aus einem dunkeln Gefühl, auf welches Nebensachen den stärksten Einfluss haben; so dass die meisten Urteile wirkliche Vorurteile sind. Man hat sehr oft Gelegenheit sich zu verwundern, wie das, was uns so gar einleuchtend vorkommt, anderen unbegreiflich ist; wie das, was wir für so offenbar recht halten, anderen ganz unrecht scheint. Wer nicht zu kurz kommen will, muss sich nicht leicht auf Wahrheit oder Gerechtigkeit verlassen, weil eine Kleinigkeit, ein Gefühl diese verkennen macht.

 Da es die Absicht des Eingangs ist, solche im dunkeln Gefühl des Zuhörers liegende Hindernisse aus dem Wege zu räumen oder etwas vorteilhaftes für die Sache des Redners in dasselbe zu legen, so ist offenbar, dass es beim Eingange mehr darauf ankommt das Gefühl als den Verstand des Zuhörers anzugreifen. Es ist deswegen eine vergebliche Sache, dem Redner Regeln für den Eingang vorzuschreiben. Bisweilen kommt es vielmehr auf den Ton an, worin er anfängt als auf die Sachen, die er sagt.

  Einige Kunstrichter halten den Beschluss für den wichtigsten Teil der Rede,3 oft aber ist es der Eingang; weil die gründlichste oder rührendste Rede nur dann etwas hilft, wenn der Zuhörer Verstand und Gefühl für dieselbe offen behält, welches vornehmlich der Eingang bewirken muss. Es ist also kaum ein Teil der Rede, an dem man die Größe des Redners besser erkennen kann als der Eingang. Das große Genie des Cicero zeigt sich vornehmlich in seinen Eingängen, die fast immer sehr glücklich sind.

 

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1 L. IV. c. 1.

2 L. I.

3 S. Beschluss.

 


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