Ergötzend

Ergötzend. (Schöne Künste) Dieses Wort scheint, wie manches andre, womit man gewisse Gattungen angenehmer Gegenständen ausdrückt, in seiner Bedeutung noch nicht völlig bestimmt zu sein. Darum sei uns erlaubt, es hier zur Bezeichnung derjenigen Gegenstände, besonders derjenigen Werke der Kunst anzuwenden, deren Absicht bloß auf Erweckung angenehmer Empfindungen von jeder Art geht, die auf nichts fortdauerndes abzielen oder bei denen man keinen anderen Zweck als den Genuß selbst hat; Werke die zu nichts als einem angenehmen Zeitvertreib dienen können. So sind, nach einiger Kunstrichter Meinung, alle schönen Künste bloß zum Ergötzen.

 Der Künstler, der überall die Natur zur Lehrerin annehmen muss, kann ihr auch hierin folgen. Es ist auch bei einem mittelmäßigen Grad der Beurteilungskraft nicht zu verkennen, dass die Natur bei dem angenehmen und unangenehmen, das sie in ihre verschiedenen Werke gelegt hat, fast durchgehends höhere Absichten habe als den bloßen Genuß; dennoch aber scheint manches bloß auf das Ergötzen abzuzielen. Die liebliche Mannigfaltigkeit der Farben, wodurch die verschiedenen Aussichten in der Natur so reizend werden, scheint nichts als den bloß ruhigen Genuss der angenehmen Empfindung, die sie erwecken, zur Absicht zu haben. Auch liegt es in dem allgemeinen Gefühl der Menschen, diese liebliche Szene dazu zu brauchen. Welchem Menschen von gesundem Gemüt wird es einfallen, den zu tadeln, der beim Spazierengehen bloß die Absicht hat, die angenehmen Eindrücke der sanften Frühlingsluft und der mannigfaltigen Lieblichkeiten der ländlichen Szenen zu genießen und bloß das Vergnügen des Genusses dabei zu suchen? Eben dazu kann man auch die mannigfaltigen Szenen der sittlichen Natur gebrauchen. Auch ohne Rücksicht auf engere Verbindungen der Freundschaft und gegenseitige Unterstützung oder Beförderung nützlicher Geschäfte, genießt auch der weiseste Mensch das Vergnügen einer guten Gesellschaft, bloß dieses Genusses halber.

 Also ist wohl kein Zweifel, dass nicht auch die schönen Künste dazu dienen können und dass nicht Werke, die bloß ergötzend sind, unter die guten Werke der Kunst sollten aufzunehmen sein. Dass aber dieses der einzige Zweck der schönen Künste sein sollte, kann viel weniger zugestanden werden als die Verbannung des bloß Ergötzenden. In der Natur ist es sehr selten, dass das Angenehme ohne die höheren Absichten des Nützlichen vorhanden ist. Wenigstens hat das Ergötzende beständig die gute Wirkung, dass es dem Gemüt die Munterkeit und dem Körper die Gesundheit unterhält.

Darum nehme man der Kunst die Ehre nicht eine wahre Nachahmerin der Natur zu sein und das Nützliche zum Hauptendzweck zu haben. Man sage dem Künstler, dass er Angenehmes oder Unangenehmes in die Gegenstände verflechten müsse, nachdem das Interesse der Menschlichkeit erfordert, dass sie gesucht oder vermieden werden. Dieses muss der Künstler vornehmlich da tun, wo die Natur, die bloß aufs allgemeine sieht, es nicht tun konnte. Zu natürlichen und animalischen Geschäften braucht man selten durch die Kunst ermuntert zu werden; dafür hat die Natur selbst hinlänglich gesorgt; für die verschiedenen politischen Veranstaltungen, die bei jedem Volk und in jedem Zeitalter, nach zufälligen Umständen anders sind, konnte sie nicht besonders sorgen und darin erwartet sie die Hilfe der Kunst.

 Nach diesem Grundsatz also schränken wir den Gebrauch des bloß Ergötzenden ein, ohne dasselbe aus dem Gebiet der Kunst wegzuweisen. Aber wir fordern von dem Künstler, der bloß ergötzen will, dass er es als ein Mann von Geschmack tue als einer, der sich bewusst ist, dass er Männer und nicht Kinder vor sich hat. Das Ergötzende kann schätzbar, aber auch sehr verächtlich sein. Es erfordert einen Mann von Verstand und Geschmack: und wie es weit leichter ist für eine Familie, deren Verrichtung und Lebensart man kennt, ein gutes und bequemes Haus zu bauen als etwa ein kleines Gebäude, das eine gute Aussicht machen und überhaupt die Annehmlichkeit eines Gartens vermehren soll, so ist es auch weniger schwer in anderen Künsten ein Werk von genau bestimmter Absicht, als ein bloß zum Ergötzen dienendes zu erfinden. Es erfordert viel Geschmack, einen feinen Witz und mannigfaltige Erfahrung, die man aus dem Umgang mit den feinern Köpfen, die in den verschiedenen Ergötzlichkeiten schon das Beste gefunden haben, erlanget, um in dieser Art etwas Schätzbares hervorzubringen. Der eingeschränkteste Mensch kann eine an sich wichtige Sache so vortragen, dass die Erzählung interessant wird; aber ohne wichtige Gegenstände der Unterredung unterhaltend zu sein, ist nur den feinsten Köpfen gegeben.

 


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