Erhaben - Bewunderung des Erhabenen


Die andere Gattung wirkt die Bewunderung durch das Gefühl des Herzens. Indem wir anderer Menschen Empfindungen, Leidenschaften, innerlich wirkende Kräfte oder äußerlich ausbrechende Handlungen, mit unserem Gefühl vergleichen und gegen das halten, was wir zu tun vermögend sind, so entsteht allemal Bewunderung, wenn wir Kräfte sehen, die weit über die Unsrigen gehen oder deren Größe wir nicht anders als durch eine außerordentliche Anstrengung unseres eigenen Gefühls, fassen können. Eben dieses geschieht auch, wenn wir im Guten oder Bösen etwas sehen, das unsere Empfindung gleichsam bestürmt. Daher entsteht das Erhabene in den Gesinnungen, in den Charakteren, in den Handlungen und auch in den leblosen Gegenständen der Empfindung.

Die Empfindungen der Ehre, der Rechtschaffenheit, der Liebe des Vaterlandes können so stark sein, dass sie unsere Bewunderung erwecken und alsdann nennen wir sie Erhaben. So ist die Großmut erhaben, die große Beleidigungen verzeiht, wie wenn Augustus zum Cinna, der in eine Verschwörung gegen ihn getreten war, sagt: Lasst uns Freunde sein Cinna [im Trauerspiel des Corneille, Cinna]; der hohe Mut des Hohenpriesters Joad, der bei den gefährlichsten Umständen, womit man ihn erschrecken will, ruhig sagt: Ich fürchte Gott, Abner und kenne keine andere Furcht [im Trauerspiel des Racine, Athalie]. So hat die Standhaftigkeit des Milo etwas Erhabenes, von dem Cicero sagt: er halte nur den Ort für den Ort der Verbannung, wo es nicht erlaubt ist, Tugendhaft zu sein [Est quodam incredibili robore Animi septus; exilium ibi esse putat, ubi virtuti non sit locus. Orat. pro T. An. Milone]. Dieses ist das Erhabene in den Gesinnungen und Charakteren, wodurch Männer von hoher Sinnesart, die weit über die gemeine Tugend erhaben sind, unsere Bewunderung verdienen und wovon man vornehmlich in der griechischen und römischen Geschichte sehr viel Beispiele findet.

Dieses Erhabene hat auch im Bösen statt, weil selbst in der Gottlosigkeit etwas Bewunderungswürdiges sein kann. Die Anrede, womit Satan [im 1 B. von Miltons verlornem Paradies] nach seinem Fall die Hölle grüßt, hat etwas Erhabenes. »Seit gegrüßt Schrecknisse; dich grüß ich unterste Welt und dich tiefste Hölle. Empfange deinen neuen Einwohner; einen der ein Gemüt mit sich bringt, das weder Ort noch Zeit zu verändern vermag. Das Gemüt ist sein eigener Platz und kann in ihm selbst einen Himmel aus der Hölle und eine Höll aus dem Himmel machen. – Wenigstens werden wir hier frei sein; der Allmächtige hat hier nicht gebaut, was er uns missgönnen sollte; er wird uns hier nicht verjagen.« Von dieser Art ist auch die, anderswo angeführte Rede des Eteokles [s. Äschylus], die Rede des Ajax [Il. E. v. 645. f f.], der einigermaßen dem Jupiter Trotz bietet, die erhabene Bosheit des Caiphas und des Philo in Klopstocks Messias. Jede wirkende Kraft von außerordentlicher Größe hat etwas Bewunderungswürdiges. Die Stärke des Gemüts, das sich durch nichts niederdrücken lässt, eine Kühnheit, die keine Gefahr achtet, ein Mut, den kein Hindernis überwältigt, hat etwas Großes, wenn gleich diese Stärke nicht gut angewendet wird. Das Böse darin ist zufällig, das Gute wesentlich. Ein großmütiger Bösewicht kann bald gut werden und durch einen kleinen Schritt zu einer ehrwürdigen Größe gelangen; aber wem die Stärke des Geistes und die Kräfte der Empfindung fehlen, wenn gleich sonst im Gemüt nichts Böses vorhanden wäre, der bleibt in der sittlichen Welt immer ein geringschätziges Geschöpf.

 

 

So steht ein Berg Gottes,

Den Fuß in Ungewittern,

Das Haupt in Sonnenstrahlen 

[Ramler in der Kantate v. Tode Jesu]

 

Diese wirksame Größe hingegen ist, wie ein gewaltiger Strom, der alles, was ihm in Weg kommt, mit sich fortreißt. So ist die Wut des Achilles im Streit, den auch die verschlingenden Wellen des Xanthus nicht zurückhalten oder die erstaunliche Rachgier des Coriolans in Thomsons Trauerspiel.*)Gib mir den untersten Rang in dem Heer; ganz Italien soll dennoch erfahren und allen künftigen Zeiten soll die Stimme des Gerüchts es sagen, dass ich zugegen gewesen, dass Coriolan dem Heer der Volscier beigestanden, als das weitherrschende Rom der Erde gleich gemacht worden. – So viel Stärke konnte man von keinem Menschen erwarten.

Selbst die überwältigenden Leidenschaften können, wenn sie starke Seelen betreffen, etwas Erhabenes zeigen. Wer kann ohne Schaudern den Schmerz des Hiobs ansehen, da er die Stunde seiner Geburt verfluchet oder das erstaunliche Leiden des sterbenden Herkules [Sophocl. Trachiniœ vs. 1010 u. s. f.], oder den Jammer des Philoktets [Sophocl. Philoct. vs. 747 u. s. f. 941 f. f.], oder die erschreckliche Qual des Abbadona [Meßias II Ges.]? Selbst die Liebe, wie sie die Sappho oder die Clementina martert, setzt in Erstaunen. In jenen mutigen Leidenschaften ist das Gemüt selbst der Gegenstand der Bewunderung; hier aber bewundern wir die Größe des Gegenstandes, der das Leiden hervorbringt und den wir in der leidenden Seele als in einem Spiegel erblicken. Man kann eine ähnliche Wirkung durch Vorbildung des Gegenstandes selbst erreichen. Nämlich die überwältigenden Leidenschaften, wobei die Seele bloß leidend scheint, können, wie so eben angemerkt worden, erhaben geschildert werden, man kann aber das Erhabene auch durch die Gegenstände dieser Leidenschaft selbst erreichen, indem anstatt der Furcht, des Schreckens, der Verzweiflung, die Gegenstände, von denen diese Leidenschaften entstehen, geschildert werden: so ist Miltons Beschreibung der Hölle erhaben furchtbar.

 

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*) O! il imports not which of us commands. Give me the lowest ranck among your troops; All Jtaly will know, the voice of fame Will tell all futur times, that I was present, Tat Coriolanus in the Volscian Army Assisted when imperial Rome was sackd.


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