Ebenmaß

Ebenmaß. (Schöne Künste) Eine solche Übereinstimmung der Teile in Ansehung der Größe, die keinen derselben besonders, zum Nachteil der anderen oder des Ganzen, merkbar macht. Also hat ein Gegenstand sein gehöriges Ebenmaß, wenn jeder Teil die ihm, nach seiner Verhältnis zum Ganzen, zukommende Größe hat. Durch das Ebenmaß werden einige Teile groß und andere klein, jeder nach seinem Rang in den Verhältnissen; durch dasselbe ist der Rumpf an dem menschlichen Körper sein größter und der Kopf sein kleinster Hauptteil. Die Wirkung des Ebenmasses auf unsere Vorstellung ist die Ruhe oder Befriedigung derselben, weil durch sie die mannigfaltigen Teile eines Gegenstandes ihr Gleichgewicht untereinander bekommen, dass der Gegenstand nicht einseitig oder einteilig, sondern mit allen seinen Teilen zugleich als ein einziges Ding oder ein wahres Ganzes erscheint, ohne welches Gleichgewicht kein Gegenstand schön sein kann: deswegen das Ebenmaß auch der Grund der Schönheit ist.

 Das Ebenmaß der Teile ist also eine allgemeine Eigenschaft aller Werke des Geschmacks, weil sie dadurch zu einem harmonischen Ganzen werden. Es erstreckt sich aber nicht nur auf die verhältnismäßige Größe, sondern auch auf die Ausarbeitung der Teile. Wenn ein besonderer Teil eines Gemäldes fleißiger als seine Stelle oder seine Wirkung zum Ganzen es erfordert, bearbeitet wäre, so würde dieses auch das Ebenmaß stören. Denn jeder Teil muss in allen Absichten gerade so sein, wie die Wirkung des Ganzen es erfordert.

  Diese Beobachtung des Ebenmaßes ist die Wirkung einer überaus scharfen Beurteilungskraft oder des feinsten Geschmacks. Es ist aber offenbar, dass nur die genaue und bestimmte Vorstellung des Ganzen, mit allen seinen Teilen dasselbe möglich macht. Wer nicht vermögend ist, das Ganze auf einen Blick richtig zu übersehen und genau zu fassen, der fühlt weder Ebenmaß noch Abweichung davon. Um also diesen wichtigen Teil der Kunst zu besitzen, muss man sich unaufhörlich üben, die Fertigkeit zu erlangen, ein Ganzes richtig zu fassen. Der Maler tritt währender Ausarbeitung sehr oft weit von seinem Gemälde weg, um es im Ganzen zu übersehen und der Tonsetzer hört in einiger Entfernung die erste Aufführung seiner Arbeit an. Dem Redner und dem Dichter aber wird dieses bei einiger Größe am schwersten. Darum muss ein Dichter sich äußerst angelegen sein lassen, sein Werk, eh' er die letzte Hand daran legt, nach allen einzelnen Teilen im ganzen Plan zu übersehen. Nur der, welchem das ganze Werk so geläufig ist als wenn er sich einen einzigen Gedanken vorstellte, ist fähig alle Teile in Absicht auf das Eben maß zu beurteilen.

  Auch der Baumeister hat eine beträchtliche Zeit nötig, sich den Plan eines großen Gebäudes mit allen seinen Teilen so bekannt zu machen, dass er mit Leichtigkeit jeden Teil in der Vorstellung des Ganzen fühlt.

  Es ist also eine für jeden Künstler zur Kultur des Genies sehr nützliche Übung, sich aus vielen und mancherlei Teilen zusammengesetzte Gegenstände im Ganzen so oft vorzustellen, bis er es mit Leichtigkeit übersehen und jedes einzelne auf einmal bemerken kann. Nur die Genien der ersten Größe sind im Stand ganz große und aus sehr viel Teilen bestehende Gegenstände auf einmal zu übersehen und es ist allemal, auch bloß in Rücksicht auf diesen Teil der Kunst, ein schweres Werk, in einer weitläufigern Epopöe das Ebenmaß der Teile zu beobachten. Aber die bloß mechanische Fassung des Ganzen ist zur Erreichung des Ebenmasses nicht hinlänglich; man muss dabei auch empfinden, von welcher Natur und von welcher Wirkung das Werk im Ganzen sein soll. Denn nur dadurch kann man fühlen, ob jeder Teil seine angemessene Wirkung im Ganzen tut und ob jeder in seiner besonderen Natur mit dem Wesen des Allgemeinen übereinkommet.

 Aus diesen Anmerkungen kann man den allgemeinen Schluss ziehen, dass ein ganz anderes Genie zu großen und weitläufigen als zu kleinen Werken gehöre. Ein Tonsetzer kann einen Menuett oder ein Lied vortrefflich setzen und ganz ungeschickt sein, eine Ouvertüre oder einen Chor zu machen. Ein Dichter kann der erste Odendichter und ein sehr schlechter epischer oder dramatischer Dichter sein; und der Baumeister, der ein Wohnhaus auf das vollkommenste angeben kann, muss darum sich nicht einbilden, Talente genug zu haben, einen Palast anzugeben. Die großen Arbeiten in jeder Art sind nur für die größten Künstlergenien.

 


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