Erhaben - Kunst des Erhabenen


Dieses sind also die verschiedenen Gattungen des Erhabenen in der sichtbaren und unsichtbaren Natur. Nicht nur die Beredsamkeit und die Dichtkunst, sondern auch die zeichnenden Künste, haben den Ausdruck desselben in ihrer Gewalt. Es ist keine Gattung desselben, die Raphael nicht erreicht hätte und wir wissen sowohl aus den Zeugnissen der Alten als aus dem Antiken das übrig geblieben, dass die alten Bildhauer das Erhabene der Sinnesart und der Charaktere in einem hohen Grad erreicht haben; dass sie im Jupiter die göttliche Majestät, in der Minerva die Weißheit u. s. f. auf eine erhabene Weise sichtbar zu machen gewusst haben. In einem einzigen Stück scheint den neueren Künstlern der Ausdruck des Erhabenen zu fehlen; wo sie nämlich die Gottheit abbilden wollen. Wenigstens ist mir kein erträgliches Bild davon bekannt, wo nämlich die Gottheit unmittelbar vorgestellt wird. Denn sonst haben wir allerdings Gemälde, die von der Größe und Majestät Gottes mittelbar erhabene Vorstellungen enthalten, wovon das große Gemälde von Raphael, das allgemein das Sakrament genannt wird, ein vortreffliches Beispiel ist. Selbst der Baukunst kann man das Erhabene nicht ganz absprechen. Wenn gleich unsere Baumeister es nicht erreichen, so lässt sich doch fühlen, wie durch Gebäude gewaltige Eindrücke von Ehrfurcht, von Macht und Größe und auch von schaudernden Schrecken zu bewirken wären. Auch die Musik ist nicht vom Erhabenen entblößt; sie hat das Erhabene der Leidenschaften, auch wohl die ruhige Größe der Seele, in ihrer Gewalt. Händel und Graun haben es oft erreicht. Wer sich davon überzeugen will, darf von dem ersten nur Alexanders Fest , und von dem zweiten die Oper Iphigenia hören. Dieses sind die verschiedenen Gattungen des erhabenen Stoffs. Nun ist auch zu bemerken, dass ein Gegenstand entweder durch seine innerliche Größe erhaben ist oder dass er durch die besondere Weise, wie er vorgestellt wird, seine Größe bekommt; jenes könnte man das wesentlich Erhabene, dieses das zufällige nennen. Es gibt Dinge, die wir nur geradezu erkennen oder empfinden dürfen, um sie zu bewundern. Wer sich einen Begriff von dem Weltgebäude machen kann, wird gewiss das Erhabene darin fühlen. So wird man auch bei jeder Äußerung einer hohen Sinnesart, wenn man sie nur zu empfinden vermag, in eine Art des Entzückens gesetzt; und jede große schreckhafte Begebenheit macht bestürzt, wenn man sie nur, wie sie ist, sieht oder erzählen hört. Aber eine Vorstellung, die man sehr oft, ohne merkliche Wirkung davon zu empfinden, gehabt hat, kann uns in einem Licht oder in einer Wendung gezeigt werden, wo sie den lebhaftesten Eindruck macht. So sind die schon angeführten Vorstellungen von der Ewigkeit und von der unermesslichen Größe Gottes. Denn ob schon beide Gegenstände an sich groß sind, so ist es sehr schwer sich ihre Größe mit einiger Klarheit vorzustellen: dazu hat uns das Genie des Dichters geholfen. So ist es eine gemeine, uns sehr wenig rührende Wahrheit, dass die Großen der Erde so wie gemeine Menschen sterblich sind; aber sie nähert sich dem Erhabenen, wenn Horaz sie also ausdrückt:

 

Pallida mors æquo pulsat pede pauperum tabernas Regumque turres [Od. I. 4. 13].

 

Dass nach dem Tod aller Unterschied des Ranges und der Würde wegfällt, ist ein gemeiner Gedanke, aber in einer arabischen Erzählung bekommt er etwas Wunderbares und Erhabenes. Der berühmte Caliph Harun Al- Raschid begegnete einem Einsiedler, der einen Totenkopf mit Aufmerksamkeit zu betrachten schien. Was machst du damit? sagt der Caliph. Der Einsiedler – ich suche zu entdecken, ob dieses der Schädel eines Bettlers oder eines Monarchen sei? Eine bewunderungswürdige Einkleidung einer ganz bekannten Wahrheit. Auch Gedanken, die schon an sich groß und erhaben sind, können durch die Einkleidung noch einen höheren Grad desselben erreichen. Es ist an sich schon etwas großes, sich den wahren Philosophen als einen Menschen vorzustellen, der durch sein Nachdenken das menschliche Geschlecht erleuchtet; aber noch wunderbarer wird dieses durch die Art, wie sich Kleist ausdrückt:

Die, deren nächtliche Lampe den ganzen Erdball erleuchtet [Im Frühling]. Hier ist wesentlich und zufällig Erhabenes zugleich. Dieses zufällig Erhabene ist das, was Longinus der Kunst zuschreibt und davon er in Absicht auf die redenden Künste am ausführlichsten und gründlichsten handelt. Nachdem er angemerkt hat [im VIII Absch.], dass dieses Erhabene durch grammatische und rhetorische Figuren; durch Tropen und andere mit Würde verbundene Aus drücke; endlich bloß durch den Ton und Fall der Rede kann erhalten werden; so wendet er den größten Teil seines Werks [vom XVI bis zum XL. Abschnitt] an, dieses durch eine Menge wohl ausgesuchter Beispiele zu erläutern. Wir empfehlen ein oft wiederholtes Lesen dieses Werks allen denen, die das Große und Erhabene im Ausdruck zu erreichen suchen.

Was Horaz vom Schreiben überhaupt sagt: dass man um gut zu schreiben, erst gut denken müsse, kann insbesondere auf jede Gattung des Erhabenen angewendet werden. Wer es erreichen will, muss irgend eines der natürlichen Vermögen des Geistes oder des Herzens, in vorzüglicher Größe besitzen. Ohne diesen Vorzug wird man weder selbst erhabene Vorstellungen oder Empfindungen hervorbringen, noch da, wo man sie antrifft, sich zunutze machen können. Das erste und vornehmste Mittel, sagt Longinus, das Erhabene zu erreichen, ist die natürliche Fähigkeit große Begriffe und große Gedanken hervorzubringen; das andre, starke und große Empfindungen zu haben. Wiewohl nun der, dem die Natur diese Vorzüge versagt hat, sie durch keine Bemühung erlangt, so kann die natürliche Fähigkeit durch die Umstände der Zeit, durch Gelegenheit, durch Arbeit und Studium erhöht werden. Niemand bilde sich ein, dass Homer oder Demosthenes, Phidias oder Raphael das Erhabene, das wir an ihnen bewundern, allein der Natur zu danken haben. Den Saamen des Erhabenen legt die Natur in den Geist und in das Herz; dass er aber aufkeimet und Früchte zeugt, wird durch Ursachen bewirkt, die von außen herkommen.

Will man einen Beweis davon haben, so vergleiche man den Olympus oder den Tartarus des Homers, mit dem Himmel und der Hölle Miltons; oder die philosophischen Gedanken des Lukretius mit denen, die wir bei Pope und Haller antreffen. Wer wird dem Homer die Erhabenheit der Phantasie und dem Lukretius die Stärke und Größe des Verstandes absprechen? Aber wie weit bleibt das Erhabene der homerischen Phantasie und der epikureischen Philosophie hinter dem, was wir in ähnlichen Fällen bei diesen Neueren antreffen, zurück? Das große Genie muss von außen her erhabene Nahrung haben, wenn es erhabene Früchte zeugen soll. Man bedenke, was für eine Menge großer Köpfe in dem XII und XIII Jahrhundert an der scholastischen Philosophie gearbeitet und wie wenig große Wahrheiten sie gefunden haben! Es war das Unglück der Zeiten, dass so viel große Köpfe sich bloß an dialektischen Kleinigkeiten üben konnten. Auf eine ähnliche Weise erkläret der vorher angeführte Kunstrichter [Longin im XLIV Abschn.], warum seine Zeiten das Erhabene der Beredsamkeit vermissen. Der vornehmste Grund, sagt er, liegt in der unselig en Habsucht, die unser ganzes Leben belagert und sich aller Wirksamkeit bemächtigt. Denn die unersättliche Begierde nach Reichtum, tut er hinzu, an der wir alle krank daniederliegen, nebst Weichlichkeit und Wollust halten uns in der Unterdrückung, ersticken alle männliche Stärke.


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