Heldengedicht - Ton der epischen Dichtung


Endlich haben wir auch noch den epischen Ton zu betrachten. Da der Dichter von dem großen Gegenstand, den er besingt, völlig eingenommen ist, so ist auch sein Ton überaus pathetisch, feierlich und etwas enthusiastisch [s. Ton der Rede]. Sein Ausdruck entfernt sich von dem gemeinen Ausdruck durch stark und vollklingende Wörter, er findet Ausdrücke, die höhere Begriffe von den Sachen geben als die gewöhnlichen. Er vermeidet die gemeinen Verbindungswörter, besonders aber ganze, aus der gemeinen Sprache genommene Redensarten. Seine Wortfügung ist ebenfalls von der gewöhnlichen unterschieden. Und weil er alles, was er besingt, in seiner Einbildungskraft als gegenwärtig und sehr umständlich vor sich sieht, so ist es ganz natürlich, dass er viel mehr malerische Beiwörter braucht als der, welcher historisch erzählt. Sein Ton hat auch darin etwas charakteristisches, dass er überall das Gepräg der Empfindung annimmt, die er oder die Personen, auf jeder Stelle fühlen. Man erkennt schon an dem Ton, wenn er sanft gerührt oder in aufschwellendem Affekt ist. Wo die Handlung ganz lebhaft wird, da ist er in völligem Affekt, den man gleich aus seinem Ton erkennt. Wo er in merkliche Begeisterung kommt, da fällt er ins abergläubische; denn starke Leidenschaften haben allgemein diese Wirkung. Alsdann scheinen ihm ungefähre Zufälle, von der Wirkung höherer Mächte herzurühren; leblosen Wesen, schreibt er Leben und Absichten zu. Was bei dem Geschichtschreiber Schwulst wäre, kann ihm sehr natürlich sein. Wo der Geschichtschreiber sagen würde: »Es war auf dem Punkt, dass der Streit überaus hitzig werden sollte; aber der Donner, der vor dem Wagen des Diomedes einschlug, trieb seine Pferde zurücke« da sagt der Dichter in dem hohen enthusiastischen Tone: »Damals würde eine erschreckliche Niederlag erfolgt sein, wenn nicht der Vater der Götter und der Menschen sich ins Mittel gelegt hätte. Schwerdonnernd schoß er seinen Blitz – u. s. f.« [s. Il. VIII. 130. f. f.] 

Überhaupt erfordert der hohe und pathetische Ton der Epopöe auch eine hohe und ausserordentliche Sprache, welche durch die höchste Prosa kaum zu erreichen ist. Der Hexameter der Griechen scheint dazu sich vorzüglich zu schicken. Es verhält sich aber damit, wie mit den Säulenordnungen, die nicht schlechterdings nach dem Model der Alten müssen gemacht werden, aber desto schöner sind, je näher sie mit jenen Mustern überein kommen. Also ist auch der Hexameter dem Heldengedicht eben nicht wesentlich; aber kein anderer Vers hat die Vorteile desselben.

Dieses scheint nun alles Wesentliche der Epopöe zu sein. Hat ein Gedicht dieses, so kann ihm der Name des Heldengedichts nicht versagt werden, von was für einem Inhalt, von welcher Form, Größe und Versart es übrigens sein mag. Von der Ilias bis auf Addisons Siegesgesang über Marlboroughs Feldzug, kann sie unzählige Formen annehmen. Ursprünglich war ihr Inhalt vermutlich bloß kriegerisch; aber Homer hat durch die Odyssee schon gezeigt, dass man von diesem Stoff abgehen könne. Einige Kunst richter stehen in dem Wahn, Homer habe die Form der Epopöe festgesetzt; aber Oßians Fingal ist nicht nach dieser Form gebildet und dennoch ein ächtes Heldengedicht. Wir wollen also von dem epischen Dichter bloß das Wesentliche fordern und alles übrige seinem Genie oder seiner Wahl überlassen. Wir wollen nicht schlechterdings verlangen, dass er seine Handlung durch Einführung höherer Mächte übernatürlich und wunderbar machen soll. Denn auch menschliche Handlungen können groß sein und Bewunderung erwecken; wenn nur das Genie des Dichters groß genug ist. Das was die Götter in der Ilias tun, ist nicht das wunderbareste: man kann es wegnehmen und doch wird alles groß bleiben. Wenn aber ein Dichter von gemeinem Genie seiner Handlung durch übernatürliche Mächte oder gar durch allegorische Personen den Anstrich des Wunderbaren geben will, so wird er eher frostig als groß. Und eben so wenig wollen wir ihm über die Zeit, den Ort und die Dauer der Handlung, willkürliche Regeln vorschreiben; sondern ihn gern unter die Zahl der guten epischen Dichter aufnehmen, wenn er nur das Wesentliche geleistet hat.

Was wir hier über das Heldengedicht angemerkt haben, betrift eigentlich die große Epopöe, die eine ganz wichtige Handlung besingt und uns mit Personen von außerordentlichen Gemütskräften und von erhabenem Charakter bekannt macht. Man kann aber den epischen Ton und die epische Behandlung, auch auf Gegenstände von mittlerer Größe anwenden und daher entsteht die kleinere Epopöe, die noch immer sehr interessant sein kann, wenn sie uns gleich die Menschen nicht auf der höchsten Stufe zeigt. Von dieser Art sind aus dem Altertum, das Gedicht des Musäus von Hero und Leander; die geraubte Helena des Coluthus und andre. Von unseren einheimischen Gedichten verdient in dieser Klasse Bodmers Jacob als ein Muster angeführt zu werden. Die Anwendung der epischen Behandlung auf kleine Gegenstände macht eine besondere Gattung der Epopöe aus, die man das scherzhafte oder komische Heldengedicht nennt [s. Scherzhaft].

Die große Epopöe ist ohne Zweifel das wichtigste und höchste Werk der schönen Künste; die Alten haben die Ilias und Odyssee für die Quellen gehalten, woraus Feldherrn, Staatsmänner, Bürger und Hausväter die Weisheit ihres Standes schöpfen können; sie fanden darin die Muster des Trauerspiels und der Komödie; sie glaubten, dass Redner, Maler und Bildhauer, das Wesentlichste ihrer Künste daraus zu lernen haben: und dieses ist in Wahrheit nicht übertrieben. Es ist keine Art der Wirkung von irgend einem Zweig der Künste zu erwarten, die der epische Dichter nicht in seiner Gewalt hätte und das Gute, was die verschiedenen Dichtungsarten einzeln enthalten, findet sich auf einmal in der Epopöe zusammen. Welche Gattung des Unterrichts und der Lehre kann von redenden Künsten erwartet werden, die nicht der epische Dichter auf das vollkommenste geben könnte? Und wo ist jemal ein vollkommnerer Redner gewesen als Homer? Was kann von Gemälden und Schilderungen erwartet werden, davon nicht die Beispiele beim Homer zu finden wären. Hat nicht Phidias, der das höchste Werk der bildenden Künste hervorgebracht hat, gestanden, dass er es dem Dichter schuldig sei? Wo ist irgend eine Vorstellung, die die Seele erheben und zu der äußersten Anstrengung ihrer Kräfte reizen kann oder vermittelst welcher die stärkste Leidenschaft im Zaum zu halten ist, die nicht der epische Dichter natürlicher als jeder andere in das Gemüt prägen könnte? Darum gebührt dem großen epischen Dichter der Vorzug über alle Künstler und dem Heldengedichte der Rang über jedes andere Werk der schönen Künste.

Wenn man bedenkt, was für Genie dazu gehört in dieser hohen Dichtungsart glücklich zu sein, so wird man sich nicht verwundern, dass das gute Heldengedicht so selten ist. Die an großen Genien so reiche Nation der Griechen hat nur eine sehr kleine Anzahl epischer Dichter gehabt und Rom, das so viele zur Bewunderung große Männer gezeugt, hat doch nur einen großen epischen Dichter hervorgebracht. Die wenigen griechischen und römischen Dichter, die nach Homer oder Virgil sich in diese Laufbahn gewaget, haben doch gegen diese kein größeres Ansehen als die Sternen gegen die Sonne oder gegen den Mond. Obgleich die Wissenschaften und Künste sich in den neueren Zeiten über ganz Europa verbreitet haben, so sind dennoch gute epische Dichter eine sehr seltene Erscheinung. Das an großen Männern so fruchtbare Frankreich, hat nur einen höchst schwachen Versuch eines epischen Gedichts aufzuweisen. Aber Italien, England und Deutschland haben epische Dichter gezeugt, davon einige mit Ehren neben Homer, andere neben Virgil stehen können. Der griechische Barde würde mit Vergnügen einen Milton und Klopstok neben sich sehen und Virgil würde die Gesellschaft des Tasso nicht verachten. Mit horchendem Ohr würden beide bisweilen dem Dante und dem Ariost zuhören und Bodmer würde durch manches prächtiges Gemälde aus der Natur und aus den Sitten und durch die hohe Sinnesart seines Noah und Sipha, sie in Verwunderung setzen.


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