Hart

Hart. (Schöne Künste) Man braucht dieses Wort verschiedentlich in der Sprache der Kunst um gewisse Fehler damit auszudrücken. Überhaupt scheint es den Mangel der völligen Verbindung zwischen zwei auf einander folgenden Vorstellungen auszudrucken. Was das Rauhe oder Holprige eines Weges macht, das verursacht das Harte in allen Arten der Vorstellungen. Es ist also das Gegenteil des Sanften, in dem alles ohne die geringste Unterbrechung, ohne den kleinsten Sprung, zusammen hängt. Hart wird die Vorstellung durch wiederholte kleine Unterbrechungen, da man die auf einander folgenden Begriffe gleichsam an einander zwingen muss. So ist ein Wort dem Klange nach hart, wenn es aus Buchstaben besteht, die eine plötzliche und etwas schwere Verändrung der Gliedmaßen der Aussprach erfordern und sanft oder weich, wenn diese Verändrung leicht und zusammenhängend ist. Es ist aber nötig, dass der Begriff des Harten für die verschiedenen Zweige der Kunst besonders entwickelt werde.

 Die Töne können auf mehr als einerlei Weise hart sein. Ein Wort wird durch Zusammenstellung solcher Buchstaben hart, die nicht an einander passen, wovon man in dem Worte Hart selbst ein Beispiel hat, da die Buchstaben r und t diese Härte verursachen. Es ist nicht möglich durch eine sanfte oder allmähliche Ver änderung in der Bewegung der Zunge von r unmittelbar auf t zukommen; der Übergang geschieht plötzlich und dadurch wird die Aussprach hart. Man empfindet hier, wie bei allen plötzlichen Veränderungen, den Mangel des Zusammenhanges; denn diejenigen, die nicht gewohnt sind ein solches Wort auszusprechen, setzen allemal ein mehr oder weniger merkliches stummes e dazwischen als wenn man Haret geschrieben hätte. Wo dergleichen gezwungene und plötzliche Verändrungen der Gliedmaßen der Sprache oft vorkommen, da wird der Ton der Rede hart; hingegen ist sie weich, wo die Buchstaben gleichsam in einander fließen, so dass der Gang der Rede etwas stätiges hat.

 Eine andere Ursache der Härte entsteht aus einigen Fehlern gegen die Prosodie, da man die Wörter ihrem natürlichen Klange zuwider in das Metrum bringt. Denn da muss man sich schnell zwingen das Kürzere länger und das Tiefere höher auszusprechen als man würde getan haben, wenn man dem gewöhnlichen Gange der Sprache, den man, noch ehe die Wörter ausgesprochen werden, fühlt, würde gefolgt sein.

 In der Musik entsteht das Harte aus dem Unharmonischen der Töne, es sei dass sie zugleich oder hinter einander gehört werden. Die unharmonischen Fortschreitungen, wovon anderswo gesprochen worden1, sind hart, weil die Kehle plötzlich sich, gegen den na türlichen Zusammenhang der Bewegung, bilden muss. In der Harmonie sind unvorbereitete und unaufgelößte, auch sonst alle die gewöhnlichen Verhältnisse überschreitende Dissonanzen, hart, weil auch da das Gehör gegen die Erwartung eine plötzliche Verändrung empfindet. So ist auch die Modulation hart, wenn die Übergänge von einem Ton in einen anderen, ohne die Veranstaltungen geschehen, die den genauen Zusammenhang zwischen die Töne bringen.

 In den zeichnenden Künsten, besonders in der Malerei entsteht das Harte vornehmlich aus dem Mangel der Harmonie2 so wohl in Farben als in Zeichnung. Selbst da, wo ein Gegenstand gegen die anderen notwendig abstechen muss, wo folglich keine völlige Harmonie statt haben kann, entsteht eine Härte, wenn dieses Abstechen zu plötzlich oder zu stark ist. Der Maler setzt in den verschiedenen Gründen des Gemäldes Gegenstände neben einander, die durch ihr Abstechen die Haltung und die verhältnismäßige Entfernung der Gründe bewirken sollen. Aber dieses Abstechen kann zu stark und übertrieben sein; alsdann wird das Gemälde hart.

 Je entfernter ein Gegenstand ist, je unbestimmter oder ungewisser werden die Umrisse, die seine Form bestimmen; und diese Ungewissheit betrifft auch die Farben, die Lichter und die Schatten. Wenn der Maler diese Dinge genauer bezeichnet als die Entfernung es verträgt, so wird er hart. Durch genaue Beobachtung dessen, was zur Haltung und zur Harmonie gehört, wird das Harte vermieden. Es kommt hierbei ungemein viel auf die Stärke des Lichts an: bei ganz starkem Lichte wird alles härter und bei gedämpftem Lichte weicher. Am schwersten ist es also das Harte bei starkem Lichte zu vermeiden, weil sich da die Schatten hart abschneiden. Ohne die höchste Notwendigkeit muss der Maler keinen Gegenstand wählen, der bei hellem Himmel von der Sonne beleuchtet wird und ein gedämpftes Licht ist überhaupt dem strengen allezeit vorzuziehen.

 Auch in Vorstellungen, die nicht in die Sinne fallen, kann das Harte vorkommen. Man nennt eine Metapher hart, wenn das Bild schwer an das Gegenbild passt. Homer schreibt der Cicada .’´pa .e....' essa., einen Lilienton zu.3 Dieses scheint uns hart, weil wir den Zusammenhang zwischen dem Bild und dem Gegenbilde schwerlich entdecken. Diejenigen aber, denen das Wort .e....e.., in der metaphorischen Bedeutung lieblich, geläufig war, fanden keine Härte in der homerischen Metapher.

  Das Harte muss nicht nur deswegen vermieden werden, weil es die Werke der Kunst unangenehm und die Vorstellungen holperig macht; sondern noch mehr darum, weil es überhaupt den Eindruck schwächt. Wenn ein Gegenstand seine volle Kraft auf das Ge müt haben soll, so leidet die Aufmerksamkeit auch nicht die geringste Zerstreüung; die Wirksamkeit der Seele muss ganz und vollständig auf ihm vereinigt sein; denn durch die Zerstreuung der Gedanken wird der Eindruck sehr merklich geschwächet. Wenn wir uns an das Harte stoßen, so wird ein Teil der Aufmerksamkeit von der inneren Natur des Gegenstandes auf sein Äusserliches gerichtet und dadurch verliert er einen Teil seiner Kraft. Ein Werk der Kunst wirkt nur dann alles, was es wirken kann, wenn wir es so völlig allein gegenwärtig haben, wie ein in Gedanken vertiefter Mensch, der von dem, was um ihn ist, nichts sieht und hört, seine Gedanken gegenwärtig hat. Eine sanft fliessende und wohlklingende Rede wiegt das Ohr in einen leichten Schlaf ein, der alle Zerstreuung hemmet und dann ist die Aufmerksamkeit bloß auf die Gedanken gerichtet. So bald die Rede hart oder holperig wird, so wacht das Ohr auf, hört mehr auf den bloßen Klang als auf den Sinn der Worte und dadurch wird der Eindruck geschwächt. Und so geht es auch in anderen Fällen. Wenn man also dem Künstler die äußerste Sorgfalt empfiehlt, auch die geringsten Flecken auszuwischen, so geschieht es nicht aus Wollust oder darum, dass wir gerne das höchste Vergnügen daran haben wollen; sondern aus einer höheren Absicht, damit wir die Kraft des Werks ganz empfinden. Dieses wird verständlicher werden, wenn man hier die Anmerkungen wiederholt, die an einem anderen Orte von der Einförmigkeit sind gemacht worden.4

 

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1 S. Fortschreitung. Unharmonisch.

22 S. Harmonie in d. Malerei.

33 II. .. 152.

4 S. Einförmigkeit.

 


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