Hauptsatz

Hauptsatz. (Musik) Ist in einem Tonstück eine Periode, welche den Ausdruck und das ganze Wesen der Melodie in sich begreift und nicht nur gleich anfangs vorkommt, sondern durch das ganze Tonstück oft, in verschiedenen Tönen und mit verschiedenen Veränderungen, wiederholt wird. Der Hauptsatz wird allgemein das Thema genannt; und Mattheson vergleicht ihn nicht ganz unrecht mit dem Text einer Predigt, der in wenig Worten das enthalten muss, was in der Abhandlung ausführlicher entwickelt wird.

 Die Musik ist eigentlich die Sprache der Empfindung, deren Ausdruck allezeit kurz ist, weil die Empfindung an sich selbst etwas einfaches ist, das sich durch wenig Äusserungen an den Tag legt.

Deswegen kann ein sehr kurzer melodischer Satz, von zwei, drei oder vier Takten eine Empfindung so bestimmt und richtig ausdrucken, dass der Zuhörer ganz genau den Gemütszustand der singenden Person daraus erkennt. Wenn also ein Tonstück nichts anderes zur Absicht hätte als eine Empfindung bestimmt an den Tag zu legen, so wäre ein solcher kurzer Satz, wenn er glücklich ausgedacht wäre, dazu hinlänglich. Aber dieses ist nicht die Absicht der Musik; sie soll dienen den Zuhörer eine Zeitlang in demselben Gemütszustande zu unterhalten. Dieses kann durch bloße Wiederholung desselben Satzes, so vortreflich er sonst ist, nicht geschehen; weil die Wiederholung derselben Sache langweilig ist und die Aufmerksamkeit gleich zu Boden schlägt. Also musste man eine Art des Gesangs erfinden, in welchem ein und eben dieselbe Empfindung, mit gehöriger Abwechslung und in verschiedenen Modificationen, so oft konnte wiederholt werden, bis sie den gehörigen Eindruck gemacht haben würde.

  Daher ist die Form der meisten in der heutigen Musik üblichen Tonstücke entstanden, der Konzerte, der Symphonien, Arien, Duette, Trio, Fugen u. a. Sie kommen alle darin überein, dass in einem Hauptteile nur eine kurze, dem Ausdruck der Empfindung angemessene Periode als der Hauptsatz zum Grund gelegt wird; dass dieser Hauptsatz durch kleinere Zwischengedanken die sich zu ihm schicken, unterstützt oder auch unterbrochen wird; dass der Hauptsatz mit diesen Zwischengedanken in verschiedenen Harmonien und Tonarten und auch mit kleinen melodischen Verändrungen, die dem Hauptausdruck angemessen sind, so oft wiederholt wird, bis das Gemüt des Zuhörers hinlänglich von der Empfindung eingenommen ist und dieselbe gleichsam von allen Seiten her empfunden hat.

 Bei allen diesen Stücken macht der Hauptsatz immer das Wesentlichste der ganzen Sache aus: seine Erfindung ist das Werk des Genies; die Ausführung aber ein Werk des Geschmacks und der Kunst. Ist der Tonsetzer in dem Hauptsatz nicht glücklich gewesen, so kann er, wenn er sonst die Kunst wohl versteht, ein sehr regelmäßiges und sehr künstliches, auch vollkommen wohlklingendes Stück machen; aber es wird ihm an der wahren Kraft, dauerhafte Empfindungen zu erwecken, fehlen.

 Die vornehmste Eigenschaft des Hauptsatzes ist eine hinlängliche Deutlichkeit oder Verständlichkeit des Ausdrucks, so dass der, welcher den Hauptsatz gehört hat, ohne Ungewissheit so gleich diese Sprache des Herzens verstehe oder sich in die Empfindung dessen, der singet, setzen könne. Ist die Empfindung nicht völlig bestimmt und verständlich, so kann das Stück nie ein ganz vollkommenes Tonstück werden, wenn es auch von dem ersten Tonsetzer der Welt ausgeführt würde. Diese Verständlichkeit hängt so wohl von dem Gesang oder der melodischen Fortschreitung als von der Bewegung und dem Takt ab und ist, wie gesagt, gänzlich das Werk des Genies, zu dessen Erfindung keine Regel kann gegeben werden.

 Indessen ist das Genie allein nicht hinreichend dem Hauptsatz alle Vollkommenheit zu geben, auch die Kunst muss das Ihrige dabei tun; denn alle Eigenschaften, die nicht unmittelbar zum Verstand des Ausdrucks gehören, hängen eigentlich von der Kunst ab. Der Hauptsatz muss eine gewisse Länge haben: ist er zu kurz, so verträgt er die nötigen Veränderungen und die zu den Wiederholungen erfoderliche Mannigfaltigkeit der Wendungen nicht; ist er zu lang, so bleibt er im Ganzen nicht deutlich genug im Gedächtnis. Er kann also in geschwinder Bewegung nicht wohl unter zwei und in langsamer Bewegung nicht wohl über vier Takte sein. Hat der Tonsetzer einen Gedanken von sehr verständlichem Ausdruck gefunden, so muss er ihm, in Absicht auf die Länge, die gehörige Ausdehnung oder Einschränkung zu geben wissen. Bei längern Hauptsätzen, die aus mehreren kleinen Einschnitten bestehen, muss er sehr sorgfältig sein, den genauesten Zusammenhang darin zu beobachten, damit der Hauptsatz eine wahre Einheit habe und nicht aus zwei anderen zusammengesetzt sei: man muss keinen Schluss darin fühlen, bis er ganz vorgetragen ist. Hierzu gehört also Kunst und Überlegung.

  Ferner müssen schon in dem Hauptsatz die Gelegenheiten liegen, die kleinen Zwischensätze anzubringen, wodurch die schönste Abwechslung im Gesang erhalten wird. Diese Zwischensätze kommen allgemein auf die kleinen Ruhepunkte oder auf etwas anhaltende Töne des Hauptsatzes und müssen die Empfindung näher und genauer bezeichnen. Darum muss der Hauptsatz die Empfindung nur im Ganzen und überhaupt schildern und Gelegenheit geben, dass die feinere Auszeichnung könne dazwischen gesetzt wer den und dass dieses mit der gehörigen Abwechslung geschehen könne, ohne dass die Einheit des Rhythmus das geringste dabei leide.

 Diese Zwischensätze treten bisweilen erst am Ende des Hauptsatzes ein. Also gehört auch da Kunst dazu, dass bei den danach folgenden Wiederholungen alles in eine natürliche und leichte Verbindung könne gebracht werden.

 Wer bloß für Instrumente setzt, findet hierin weniger Schwierigkeit als wo über einen Text komponiert wird. Denn hier muss alles, die Bewegung und die Länge des Satzes, die kleinen Einschnitte oder Ruhepunkte, genau mit der Versart übereinstimmen, welches oft nicht geringe Schwierigkeiten macht.

 Man sieht hieraus, dass außer dem natürlichen Genie viel Geschmack, Kunst und Erfahrung zur Erfindung und Behandlung des Hauptsatzes erfordert werde. Es ist deswegen ein großer Mangel in der Theorie der Musik, dass man so gar wenig über diese wichtige Materie angemerkt findet. Man muss darum auch hierin, wie in verschiedenen anderen Dingen dem guten Mattheson Dank wissen, dass er darüber wenigstens einen Versuch gemacht hat1; ob er gleich nicht der Mann war, diese Materie nach Verdienst abzuhandeln. Es würde von großem Nutzen sein, wenn ein feiner Kenner aus den Tonstücken der größten Meister die schönsten Hauptsätze aufsuchen und darin das, was der Kunst und dem Geschmack zugehört, anzeigen und entwickeln würde. Denn in Sachen, worüber man keine bestimmte Regeln geben kann, dienen vollkommene Beispiele anstatt der Regeln.

 

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1 In seinem vollkommenen Kapellmeister, wo er im II Teil in einem eigenen Abschnitt von der melodischen Erfindung handelt. Man wird darin unter viel pedantischem Zeug manche sehr gute und auch einige wichtige Anmerkungen antreffen.

 


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