Handlung

Handlung. (Schöne Künste)

–– Wie Haller dort, mit stark gesetztem Mut Verräterische Blick' ins Menschen Busen tut;

und mit diesem scharfen Beobachtungsgeist die Kunst besitzt, wie Homer, alles auf das lebhafteste zu schildern, kann uns die handelnden Menschen so vors Gesicht bringen, dass ihr Genie, ihre Sinnesart, ihre Stärke und Schwäche, kurz alles, was zu ihrem Charakter gehört, in dem hellesten Lichte vor uns liegt. So hat Homer uns mit den berühmtesten griechischen und phrygischen Helden so bekannt gemacht als wenn wir selbst mit ihnen gelebt und ihren Handlungen zugesehen hätten. Unter den Werken der Kunst behaupten die, welche uns handelnde Menschen schildern, den ersten Rang. Daher haben auch die zwei großen Kunstrichter, Aristoteles und Horaz, da sie von der Dichtkunst geschrieben, ihr Hauptaugenmerk auf diese Werke gerichtet.

 Die Wichtigkeit derselben hängt einsteils von dem Charakter und dem Genie der handelnden Personen, anderenteils aber von der Handlung ab, in welche sie verwickelt sind. Wir wollen hier einige Anmerkungen über die Natur und Beschaffenheit der Handlung zum weiteren Nachdenken des Künstlers vortragen.

 Den Stoff zur Handlung gibt die Fabel1; die Handlung selbst ist das, wodurch die Fabel ihre Wirklichkeit erhält. Man kann die Fabel, auf welche die Ilias gegründet ist, in wenig Worte fassen. » Währender Belagerung der Stadt Troja entzweiten sich Agamemnon und Achilles so sehr, dass dieser sich von dem Heer absonderte und nach Hause ziehen wollte. Dadurch wurden die Belagerer so sehr geschwächt, dass es das Ansehen gewann, sie würden die Belagerung aufheben müssen. Sie suchten vergeblich den Achilles durch Bitten zu vermögen, dass er sich wieder mit ihnen vereinige; aber ein besonderer Vorfall brachte ihn wieder zurück und setzte seinen Heldenmut in neues Feuer; dieses veranlasste den Tod des Hektors, wodurch die Eroberung erleichtert wurde, weil dieser Held eigentlich die stärkste Vormauer der Trojaner war.« Dieses ist also die Fabel der Ilias. Die Handlung ist das, was geschieht oder wodurch diese Fabel die Wirklichkeit bekommt; der Streit zwischen Agamemnon und Achilles; des Achilles Abzug vom griechischen Heer, u. s. f. Wir haben drei griechische Tragödien, welche ein und eben dieselbe Fabel behandeln: »Orestes kommt nach einer langen Abwesenheit in das Haus seines Vaters zurück und rächet dessen Tod durch Ermordung des Ägysthus und der Elektra.« Aber die Handlung ist in jeder dieser Tragödien verschieden.

 Die Begriffe der Fabel und der Handlung werden von den Kunstrichtern nicht allemal gehörig unterschieden: man fordert oft von der Handlung, was der Fabel zukommt. Eigentlich ist die Fabel die geschehene Sache, deren Anfang, Fortgang und Ende sich der Künstler dem Erfolge nach vorstellt; die Handlung aber ist das, wodurch sie geschieht, wodurch sie ihren Anfang hat, ihren Fortgang gewinnt und ihr Ende erreicht. Da wir von der Fabel besonders gesprochen haben,2 so wollen wir hier unsere Anmerkungen bloß auf die Handlung einschränken.

 Eigentlich ist es nicht die Fabel, sondern die Handlung, wodurch ein Werk groß und merkwürdig ist. Die Ilias ist nicht wegen der Fabel, die zum Grunde liegt, nicht darum, dass Agamemnon und Achilles sich entzweit haben u. s. f. ein großes und wichtiges Werk, sondern dadurch, dass die Sachen so geschehen sind, wie der Dichter sie vorstellt; nämlich durch die Handlung. So ist auch keines der vorher erwähnten drei Trauerspiele der Fabel halber merkwürdig; dieselbe Sache könnte so vorgestellt werden, dass Niemand großen Anteil daran nähme; aber durch die Handlung, durch das, was geschieht und die Art wie es geschieht, werden sie wichtig.

 Die erste und notwendigste Eigenschaft der Handlung ist, dass sie wahrscheinlich und natürlich sei, so dass das, was geschieht, aus den vorhergehenden Ursachen auf eine ungezwungene und verständliche Weise hat erfolgen müssen. Denn wo dieses nicht ist, da fällt die Aufmerksamkeit auf die Sachen, der Anteil welchen man daran nehmen sollte, weg. Man glaubt der Künstler wolle uns hintergehen oder habe geträumet und sich die Sachen fälschlich eingebildet. Darum muss in der ganzen Handlung nichts geschehen, davon man nicht den Grund in den Charakteren der Personen und in der Lage der Sache entdeckt. Dazu wird freilich erfordert, dass der Künstler ein wahrer Kenner der Menschen sei. Hier hilft die feurigste Einbildungskraft und die stärkste Begeisterung nichts; die Wahrheit der Handlung ist bloß ein Werk des Verstandes und der gründlichen Kenntnis.

Allgemein ist die Fabel dem Künstler durch die Geschichte gegeben oder er hat sie in seiner Phantasie entworfen und angeordnet, ehe er an die Handlung denkt. Hat er nicht in seinem Genie und Verstand die nötigen Mittel die Handlung so zu veranstalten, dass die Fabel auf eine natürliche und ungezwungene Weise aus den vorhandenen Ursachen sich so, wie er sie entworfen hat, entwickelt, so hat er eine Uhr gemacht, die zwar dem Ansehen nach alle nötigen Räder hat, aber doch nicht geht.

 Bei jeder Handlung und bei jedem einzeln Teile derselben sind immer Kräfte oder wirkende Ursachen und Wirkungen vorhanden, die einander auf das genaueste angepasst sein müssen. Man muss nicht große Kräfte aufbieten um kleine Wirkungen hervorzubringen und eben so wenig aus geringen Kräften große Wirkungen entstehen lassen. In der Ilias bringt zwar die Entfernung eines einzigen Menschen das griechische Heer dem Untergange sehr nahe; aber dieser Mensch ist Achilles. Hätte der Dichter nicht Genie genug gehabt diesen Helden so groß zu schildern als wir ihn sehen, so wäre die Handlung der Ilias unnatürlich worden.

  Die zweite Eigenschaft der Handlung ist, dass sie interessant sei: der Geist und das Herz dessen, der der Handlung zusieht, müssen in unaufhörlicher Wirksamkeit unterhalten werden. Dieses kann auf mancherlei Weise bewirkt werden. Das Geschäft, welches betrieben wird, kann an sich selbst so wichtig sein, dass die handelnden Personen dabei notwendig in die lebhafteste Wirksamkeit geraten, wie wenn es große Angelegenheiten eines ganzen Volks betrift; oder es kann durch die dabei interessierte Personen wichtig werden, die uns wegen ihres Standes oder wegen ihres Charakters merkwürdig sind; oder es kann zufälliger Weise, durch aufgestoßene Schwierigkeit, durch eine seltsame Verwicklung der Sachen, durch merkwürdige Vorfälle die Neugierd reizen.

 Es gibt bisweilen Handlungen, die an sich wenig Merkwürdiges zu haben scheinen, durch das glückliche Genie des Künstlers aber ungemein interessant werden. Dass einige trojanische Flüchtlinge sich einschiffen, um sich anderswo nieder zu lassen, ist an sich eine ganz unbeträchtliche Handlung. Virgil hat ihr aber durch den Gesichtspunkt, in dem er sie ansieht, eine ausnehmende Größe und Wichtigkeit gegeben. Diese wenige Abenteuerer sind die Stammväter eines künftigen Volks, das den ganzen Erdboden beherrschen soll; das künftig einem anderen, damals aufblühenden und von einigen Göttern vorzüglich beschützten Volke, die Herrschaft der Welt entreißen wird. Dadurch bekommt die Handlung der Äneis eine erstaunliche Größe, der aber das mehr schöne als große Genie des Dichters nicht gewachsen war. Was würde nicht ein Dichter von Miltons oder Klopstoks Geiste daraus gemacht haben?

 Es würde ein für die schönen Künste nützliches Unternehmen sein, wenn sich jemand die Mühe gäbe, die verschiedenen Kunstgriffe zu entdecken, wodurch große Künstler unbeträchtliche Handlungen interessant gemacht haben; denn hierin zeigt sich das Genie in dem schönsten Lichte. Wie manche, an sich unbeträchtliche Handlung, hat nicht Shakespear durch sein erfinderisches Genie höchst interessant gemacht? Ge meine Künstler suchen allgemein die Handlungen durch Verwicklung und vielerlei Intrigen merkwürdig zu machen; aber dieses sind sehr schwache Mittel, die zwar die Phantasie etwas gespannt halten, aber die wesentlichsten Kräfte der Seele, den Verstand und das Herz, in völliger Ruhe lassen. Das Interessante der Handlung muss nicht im Äußerlichen derselben, sondern in dem, was zum Geist und zum inneren Charakter der Sachen gehört, gesucht werden. Man findet bei genauer Betrachtung der berühmtesten Werke der Kunst alter und neuer Zeiten, vornehmlich bei dramatischen Werken, dass die vorzüglichsten davon gerade die sind, wo die Handlung die größte Einfalt hat.

 Ferner muss die Handlung auch ganz und vollständig sein. Man muss ihren eigentlichen Anfang deutlich bemerken, die Ursachen erkennen, die die handelnden Personen in Bewegung setzen; man muss dabei Gelegenheit bekommen sich in den eigentlichen Gesichtspunkt zu stellen, aus dem die Handlung zu sehen ist; man muss ihren Fortgang deutlich bemerken und zuletzt den eigentlichen Ausgang, das was ausgerichtet oder bewirkt worden, so deutlich vor sich sehen, dass nun nichts mehr kann erwartet werden; man muss empfinden, dass nun keine von den handelnden Personen das geringste mehr bei dem Geschäfte zu tun habe. Dieses verursacht bisweilen beträchtliche Schwierigkeiten;3 daher auch die Meister der Kunst nicht allemal glücklich genug sind, alles, was zur Vollständigkeit der Handlung gehört, zu erreichen.

 Dass in einem Werk, es sei so groß als es wolle, nur eine einzige Handlung sein müsse, ist eine so offenbar notwendige Sache, dass man nicht nötig hätte, sie anzuführen, wenn nicht so vielfältig von dramatischen Dichtern dagegen gehandelt würde. In einem vollkommenen Drama muss nicht nur schlechterdings eine einzige Handlung sein, sondern auch so gar die kleinen episodischen Handlungen, wenn sie gleich mit der Haupthandlung wohl zusammen hängen, tun dem Ganzen schon merklichen Schaden. Die vollkommensten Werke sind unstreitig die, bei denen die Aufmerksamkeit von Anfang bis zum Ende, ohne alle Zerstreuung auf einen einzigen Gegenstand gerichtet bleibt. Darin haben die Trauerspiele der Alten einen offenbaren Vorzug vor den meisten Werken der Neuern. Mit unverwandtem Auge sieht man von Anfang bis zum Ende immer denselben Gegenstand, von dem die Aufmerksamkeit nicht einen Augenblick abgezogen wird. Wie ein verständiger Portraitmaler seine Bildnisse immer so mahlt, dass das Auge durch nichts von dem Gesicht und der Stellung der Person abgezogen wird, so muss auch bei jeder Handlung alles, was nicht zur Hauptsache gehört, in gedämpftem Lichte stehen, damit es nicht für sich, sondern nur insofern bemerkt werde als es zur Haltung des Ganzen dient.

 Man sagt von einem Werk, es sei wenig Handlung darin, wenn es mehr die Vorstellungskraft als die Begehrungskräfte reizt. Denn eigentlich gehört nur das zur Handlung, wobei man eine Äußerung dieser Kräfte empfindet. Man könnte die Ilias in eine Erzählung verwandeln, darin alle Handlung ausgelöscht wäre, wo wir nur auf das was geschieht Achtung zu geben haben; da sehen wir nicht die Handlung, die Äußerung der Kräfte, sondern den bloßen Erfolg derselben. Wenn wir aber den inneren Zustand der handelnden Personen empfinden, wie sie wünschen, hoffen, sich bestreben, ihre Kräfte aufbieten; alsdann erst sehen wir sie handeln.

  Man hat in den schönen Künsten vielerlei Arten eine Handlung vorzustellen und jede Art hat in Ansehung der Größe, der Form und der ganzen Einrichtung der Handlung ihre besonderen Bedürfnisse. Das epische Gedicht, das Drama, die äsopische Fabel, das Gemälde, das Ballet, jedes erfordert eine eigene Art der Handlung; hiervon aber ist das nötigste in verschiedenen besonderen Artikeln angemerkt worden4.

 

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1 S. Fabel.

2 S. Fabel.

3 S. Ausgang. Ende.

<s>4</s> S. Heldengedicht; Drama, Tragödie, historisches Gemälde u. s. w.

 


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