Hirtengedichte - Reiz und Herkunft der Hirtenlieder


Diese Dichtungsart übertrifft alle anderen an angenehmen und sanften Gegenständen. Was in der leblosen, in der thierischen und sittlichen Natur den meisten Reitz hat, ist gerade der Gegenstand der Hirtengedichte. Wer glückliche Länder kennt, wo ein sanftes Klima und eine Mannigfaltigkeit von abwechselnden Gegenden, alle Reitze der Natur in vollem Reichtum verbreitet; wo ein freies, durch unnatürliche Gesetze nicht verdorbenes Volk, das bloß die wenigen Bedürfnisse der Natur kennt, zerstreut, ein harmloses und unschuldiges Leben führt; der weiß, was für Erquikung die Seele genießt, wenn man von Zeit zu Zeit das, durch so manchen Zwang mühesam gewordene, Leben der bürgerlichen Welt verlassen und einige Tage unter solchen Schülern der Natur, wie Haller sie nennt, zubringen kann. In solche Gegenden und unter ein solches Volk versetzt uns der Hirtendichter, dadurch verschaft er uns viel selig e Stunden des sanftesten und unschuldigsten Vergnügens; er lehrt uns Gemüter kennen und macht uns mit Sitten bekannt, die uns den Menschen in der liebenswürdigen Einfalt der Natur zeigen. Da lernt man fühlen, wie wenig zum glücklichen Leben nötig ist. Was Rousseau mit seiner bezaubernden Beredsamkeit nicht ausrichten konnte, die Welt zu überzeugen, dass der Mensch durch übelausgedachte, unnatürliche Gesetze, lasterhaft und unglücklich werde, das kann der Hirtendichter uns empfinden lassen.

Aber ist es nicht eine Grausamkeit, den Menschen eine Lebensart und eine Glückseligkeit, die sie unwiederbringlich verloren haben, wieder kennen zu lehren? Nein. Der Unglückliche hält es nicht für ein Unglück, wenigstens angenehme Träume zu haben. Und dann ist das Urteil der Verdammnis vielleicht noch nicht so unwiederruflich, wenigstens nicht über alle einzele Menschen ausgesprochen. Vielleicht dass auch die sanften Eindrücke der Hirtenpoesie überhaupt manches nur durch Vorurteile verwilderte Gemüt wie der zubesänftigen vermögen.

Es gehört aber sehr viel dazu, in dieser Dichtungsart glücklich zu sein. Man muss nicht nur, wie Theokrit oder Geßner, in einem mit allen Schönheiten der Natur geschmückten Lande leben und ein glückliches Volk kennen; man muss eine Seele haben, die die harte Schaale, den Schorff der bürgerlichen Vorurteile, abgeworfen hat und die Natur in ihrer einfachen Schönheit zu empfinden weiß; man muss ein feines zärtliches Gefühl haben, um schon da gerührt zu werden, wo gröbere oder schon verhärtete Seelen, die nur erschütternde Eindrücke fühlen, nichts empfinden. Man muss ein an liebliche Töne gewöhntes Ohr haben, das in den Liedern den leichten und sanften Ton der Schäferflöte zu treffen wisse.

Es ist wahrscheinlich, dass die Hirtenlieder die erste Frucht des poetischen Genies gewesen sind. Jedes glückliche und empfindsame Hirtenvolk mag dergleichen Liederdichter unter sich gehabt haben: Aber Sizilien ist allem Ansehen nach das Land, in welchem die rohen Hirtenlieder zuerst durch Geschmack und Kunst zur Vollkommenheit gekommen sind. Die meisten griechischen Idyllendichter, deren Namen oder Lieder auf uns gekommen sind, waren Einwohner dieser ehemals so glücklichen Insel; darum schreibt Virgil diese Dichtungsart den sizilianischen Musen zu. Sicelides Musæ paulo majora canamus [Bucel. IV. 1].

Theokritus aus Syrakusa steht unter den Dichtern dieser Gattung oben an, wie Homer unter den epischen. Seine Idyllen sind von unnachahmlicher Anmut; und bei dem Lesen derselben finden wir uns in das glückselig ste Klima, in die reizendsten Gegenden des Erdbodens und unter ein Volk versetzt, dessen liebenswürdige Einfalt und sorgeloses Leben den Wunsch erweckt, unter ihm zu wohnen. Selbst Virgil, der so empfindsame und so anmutsvolle Dichter, ist in einer großen Entfernung hinter ihm zurück geblieben. Aber noch sehr weit hinter Virgil die meisten Neuern bleiben.3 Unser Geßner übertrifft diese, so wie Theokrit die Alten übertroffen hat.

 

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3 Man sehe einige Vergleichungen zwischen Alten und Neueren in den neuen kritischen Briefen, die 1749 in Zürich herausgekommen in dem XXXVI und einigen folgenden Briefen.


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