Heldengedicht - Handlung der Heldengedichte


Was dieser Dichtungsart wesentlich ist, lässt sich kurz zusammen fassen. Einheit der Handlung; Wichtigkeit und Größe derselben; die epische von der historischen verschiedene Behandlung; hervorstechende Schilderungen der Hauptpersonen und ihrer Taten; ein sehr pathetischer, aber nicht völlig enthusiastischer Ton des Vortrags. Jedes Gedicht, das diese Eigenschaft hat, verdient den Namen der Epopöe.

Die Einheit der Handlung ist eine Foderung, die auf die ursprüngliche Beschaffenheit dieses Gedichts gegründet ist; weil es dem feierlichen Andenken einzelner Taten oder einzelner Begebenheiten gewiedmet war. Es lässt sich vermuten, dass in den ursprünglichen Heldengedichten die Handlung sehr eingeschränkt gewesen und nur etwa eine einzige Schlacht oder gar ein einzelner Zweikampf episch besungen worden. Da das epische Gedicht danach ein Werk der Kunst geworden, bekam die Handlung zwar eine größere Ausdehnung, aber die Einheit derselben musste beibehalten werden, wenn das Gedicht nicht völlig ausarten sollte.

Man kann aber auch ohne Rücksicht auf den Ursprung dieses Gedichts, die Notwendigkeit der Einheit der Handlung behaupten. Der epische Dichter will nicht unterrichten, sondern rühren; sein Herz und seine Einbildungskraft sind von einem großen Gegenstand in ausserordentliche Wirksamkeit gesetzt: von diesem Gegenstand erwärmt, spricht er von dem, was er sieht und fühlt. Also ist sein Gegenstand seiner Natur nach Eines. Auch seine Absicht macht die Einheit der Handlung notwendig. Er nimmt sich vor durch genaue und umständliche Schilderungen merkwürdiger Taten und Begebenheiten die Gemüter der Menschen in starke Bewegung zusetzen, ihnen große Empfindungen einzuflößen und sie, so viel an ihm liegt, zu großen Menschen zu machen. Diese Absichten zu erreichen, muss er notwendig die Hauptsachen sehr umständlich und ausführlich schildern, damit der Zuhörer das Leidenschaftliche und Sittliche derselben auf das lebhafteste fühle. Die Charaktere der Hauptpersonen müssen sich völlig entwickeln und man muss sie von Grund aus kennen lernen. Der Dichter kann also nicht summarisch erzählen, sondern muss meistenteils sehr umständlich sein. Wenn also das Heldengedicht nicht zu einer unermeßlichen Größe anwachsen soll, so kann nur eine große Handlung darin statt haben.

Überdem hat es mit allen Werken der Kunst dieses gemein, dass es desto vollkommener ist, je bestimmter der Eindruck ist, den es macht [s.Werke der Kunst], und je ununterbrochener die Aufmerksamkeit von Anfange bis zum Ende auf die Gegenstände gerichtet ist. Diese Wirkung kann nur in den Werken völlig erreicht werden, wo das Mannigfaltige sich auf einen einzigen Punkt vereinigt; wo alles entweder aus einer einzigen Ursache entsteht oder auf eine einzige Wirkung abziehlet. Daher entsteht die vollkommene Einheit der Handlung. Man erkennt sie am besten daraus, wenn der Inhalt des ganzen Gedichts sich in wenig Worte zusammen fassen lässt, so dass das Ganze nur eine Erweiterung einer ganz kurzen Erzählung ist. Was ist einfacher als die Handlung der Ilias oder der Odyssee? Jede hat nur eine einzige wirkende Ursache, woraus alles entsteht: der ganze Inhalt der Ilias kann mit aller seiner Größe in wenig Worten vorgetragen werden [s. Handlung], und eben dieses hat bei der Odyssee und bei der Äneis statt.

Notwendig ist also die Einheit der Handlung; und sehr vorteilhaft ist es, wenn sie sehr einfach ist. Das Romanhafte oder die Menge und Mannigfaltigkeit seltsamer Begebenheiten, die bloß die Einbildungskraft anfüllen, ist dem wahren Geist der Epopöe zuwider. Die Hauptabsicht des Dichters geht auf die Schilderung großer Taten, die er in dem inneren der Seele aufkeimen und durch ausserordentliche Seelenkräfte sich entwickeln sieht. Dieses ist eigentlich seine Materie; die Begebenheiten sind der Grund oder die Tafel, auf welche er seine Schilderungen aufträgt [s. Fabel]. Man kann das epische Gedicht mit einem historischen Gemälde vergleichen, in welchem ohne Zweifel die Zeichnung der Personen, dessen was sie fühlen und dessen, wonach sie streben, die Hauptsach ist. Aber der Maler hat eine Szene nötig, eine Landschaft, einen Platz, wohin er seine Personen stellt. Er würde sehr gegen die Kunst anstoßen, wenn seine Landschaft so reich an mannigfaltigen Gegenständen wäre, dass die Einbildungskraft vorzüglich durch dieselben gereizt und von den Personen abgezogen würde. Eben diesen Fehler würde der epische Dichter begehen, wenn er gar zu viel außer dem menschlichen Gemüt liegende Materie in sein Gedicht bringen wollte.

Darum ist es sehr vorteilhaft, wenn er wenig körperliche Materie hat; wenn seine Handlung einfach ist und sich so leicht entwickelt, dass die Einbildungskraft ohne Anstrengung dem Faden der Begebenheiten folgen kann. Dadurch gewinnt er selbst mehr Raum zu den Schilderungen, die das Wesentliche des Gedichts ausmachen und der Leser wird weniger durch die Phantasie zerstreut. In diesem Stück hat die Ilias einen großen Vorzug über die Äneis. Diese beschäftigt die Einbildungskraft weit mehr als den Verstand und das Herz; und der Dichter selbst hatte so viel weniger Zeit und Kraft Menschen zu schildern, je mehr er zu solchen Schilderungen anwenden musste, die blos die Phantasie beschäftigen. Der epische Dichter muss sich sehr dafür in Acht nehmen, dass er die Einbildungskraft seines Lesers nicht ermüde. Der überschwengliche Reichtum großer Szenen von dieser Art tut der hohen Messiade nicht geringen Schaden; Leser die nicht selbst die lebhafteste Einbildungskraft haben, müssen sich in den Vorstellungen der Phantasie so verwickelt und verwirrt finden, dass sie sich nicht herauszuhelfen wissen. In der Odyssee war diese Mannigfaltigkeit an sinnlichen Szenen notwendig. Der Dichter hatte eigentlich nur einen Menschen zu schildern, dessen Charakter er bis auf den geringsten Zug entfalten wollte; darum musste er ihn durch so mancherlei Abenteuer hindurchführen.

Die Handlung muss wichtig und groß sein. Wichtig; um die Aufmerksamkeit zu reizen, ohne welche der Dichter seine Bemühung umsonst verwendet oder gar durch seinen pathetischen Ton lächerlich wird. Je höher seine Materie ist, je feierlicher kann sein Ton sein. Unternehmungen und Begebenheiten, wovon das Glück und Unglück eines ganzen Volks abhängt, sind die eigentlichsten Gegenstände der Epopöe. Aber sie müssen auch eine äußerliche Größe haben. Was plötzlich entsteht und seine Wirkung plötzlich vollendet, kann zwar höchst wichtig sein, aber es schickt sich nicht zur epischen Erzählung. Ein ganzes Land könnte durch ein gewaltiges Erdbeben plötzlich ver sinken. Dieses wäre eine höchst wichtige Begebenheit und könnte den Stoff zu einer erhabenen Ode geben; aber zum epischen Gedicht schickt sie sich nicht, weil es ihr an Größe der Ausdehnung fehlt. Darum fordert man mit Recht zum epischen Gedicht eine Handlung, wo mannigfaltige Anstrengung der Kräfte erfordert wird, wo gewaltige Schwierigkeiten vorkommen, wo die handelnden Personen in der höchsten Wirksamkeit sind; denn nur eine solche Handlung gibt dem Dichter Gelegenheit alle Kräfte des menschlichen Gemütes zu entfalten [s. Handlung]. Darum hatten Milton und Klopstok, obgleich jeder einen, an sich höchst wichtigen, Stoff gewählt hatte, nötig, ihm durch die kühnesten Erdichtungen die Größe der Ausdehnung zu geben, ohne welche ihre Gegenstände bloß ein lyrischer Stoff geblieben wären. Die Größe der Handlung besteht demnach nicht in der Länge der Zeit und in der Menge der Geschäfte. Eine Handlung von einem einzigen Tag, kann größer sein als eine von vielen Jahren. Es kommt darauf an, dass vielerlei Menschen auf eine interessante Weise ihre Kräfte und ihr Genie dabei üben und so entwickeln können, dass sie sich uns in ihrem vollen Lichte zeigen.


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