Hirtengedichte

Hirtengedichte. Gedichte deren Inhalt aus dem Charakter und dem Leben eines Hirtenvolks genommen ist. So wie alle Arten der Gedichte, die jetzt unter uns bloße Nachahmungen verlorener Originale sind, aus Übungen oder Gewohnheiten älterer Völker entstanden sind, so ist es wahrscheinlich, dass die ersten Hirtengedichte, nach natürlichen Liedern eines alten Hirtenvolks, durch die Kunst gebildet worden. Der Hirtenstand ist keine Erdichtung, er ist der Stand der Natur vieler Völker gewesen und ist es auch noch jetzt. Noch sind Länder von gesitteten Hirtenvölkern bewohnt, die in einer fast unumschränkten Freiheit und der Sorgen des bürgerlichen Lebens unbewußt leben; wo muntere Köpfe vom Instinkt geleitet, ihre selbst gemachten Flöten oder Schalmeien klingen machen und Lieder dichten, welche Fröhlichkeit oder Liebe oder Eifersucht, ihnen eingeben; die mit benachbarten Hirten wetteifernd singen; die bisweilen in größere Gesellschaften zu Tänzen und Wettstreiten zusammen kommen. Das müßige Leben eines solchen Hirtenvolks; sein beständiger Aufenthalt in den angenehmsten Gegenden; die lange Weile oder ein angenehmerer Hang, welcher benachbarte Hirten und Hirtinnen zusammen führt, veranlasst natürlicher Weise die Äußerung verschiedener Empfindungen, die nach vielen Versuchen zu Liedern werden. Ein englischer Schriftsteller stellt uns das Landvolk von Minorca als ein solches Volk vor. »Die Insulaner, sagt er, haben viel alte Gewohnheiten bis auf diesen Tag beibehalten. Also ist eine Art von poetischem Wettstreit unter den Bauren gebräuchlich. Einer singt einige, auf einen gewissen Gegenstand, der ihm gefällt, aus dem Stegreiff gemachte Verse ab und spielt dazu auf seiner Cyther. Ein anderer antwortet ihm so gleich, mit einer gleichen Anzahl ebenfalls auf der Stelle verfertigten Zeilen und suchet ihn zu übertreffen oder lächerlich zu machen. Und dieser Wettstreit währt bis der Witz der beiden Fechter erschöpft ist. Man nennt sie Gloßadores.« [s. Cleghorns Beschreibung der Insel Minorca].

Ohne Zweifel hat der glückliche Himmelsstrich, der sich über Griechenland und Italien verbreitet, ehedem ganze Völker solcher Hirten genährt, deren Spiele und Gesänge durch Überlieferungen bis auf die, nachher sich in Städten versammelte Völker gekommen sind. Nachdem das, was ehedem Natur gewesen, zur Kunst geworden, ahmten die Dichter auch die Lieder der Hirten nach, um die Glückselig keit des Hirtenstandes, wenigstens in der Einbildung zu genießen. So entstanden in dem Reiche der Künste die Hirtengedichte.



Inhalt:


Gattungen der Hirtenlieder
Idyllen und Idyllendichter
Reiz und Herkunft der Hirtenlieder

 © textlog.de 2004 • 19.06.2019 16:41:28 •
Seite zuletzt aktualisiert: 14.11.2004 
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