Heldengedicht - Natur des Heldengedichts


Wir wollen jener Spur der Natur nachgehen, um das Notwendige und Wesentliche des Heldengedichts zu entdecken. Wenn wir erraten können, wie die ersten autoschediasmatischen*) Heldengesänge entstanden und wie sie beschaffen gewesen sind, so wird sich auch daraus abnehmen lassen, wie der Geschmack und die Überlegung solche rohe Versuche allmählich verfeinert und zur Vollkommenheit gebracht habe.

Der erste Keim zum Heldengedicht liegt in dem natürlichen Trieb, merkwürdige Auftritte, die man mit Empfindung und mancherlei Rührung gesehen hat, wieder zu erzählen, die verschiedenen Eindrücke derselben in uns selbst zu erneueren und in anderen zu erwecken. Männer, die gemeinschaftlich etwas Merkwürdiges ausgeführt haben, kommen selten zusammen, ohne davon zu sprechen. Jeder erzählt den Teil der Geschichte, der ihn am meisten gerührt oder an dem er vorzüglichen Anteil gehabt hat. Bei rohen Völkern veranlasst dieses öffentliche Feierlichkeiten zum Andenken wichtiger Begebenheiten, besonders aber glücklich verrichteter Taten.

Bei solchen Feierlichkeiten sind die Gemüter schon zum voraus erhitzt und zu lebhaften Empfindungen vorbereitet. Diejenigen, die selbst an der Handlung Anteil gehabt haben, treten auf und erzählen mit vollem Feuer der Empfindung, sehr umständlich und durch lebhafte Schilderungen der Personen und Sachen, das, dessen sie sich erinnern. Es ist höchst wahrscheinlich und zum Teil historisch gewiss, dass bei verschiedenen Völkern das Andenken großer Begebenheiten durch eine lange Reihe von Menschenaltern hindurch, alljährlich durch öffentliche Feste gefeiert worden. Wenn bei solchen Gelegenheiten von den Augenzeugen der Sachen keiner mehr am Leben war, so werden zum Erzählen der Sachen diejenigen aufgetreten oder von der Versammlung aufgefordert worden sein, die wegen der Lebhaftigkeit ihrer Einbildungskraft und der Wärme ihrer Empfindungen, für die tüchtigsten gehalten wurden, sehr lebhafte Abbildungen der Sachen zu machen.

Dieses mag Gelegenheit gegeben haben, dass einige lebhafte Köpfe, um die Ehre zu genießen als Sprecher öffentlich aufgefordert zu werden, sich in solchen epischen Versuchen werden geübet haben und dass man allmählich angefangen die feierlichen Erzählungen ehemaliger Taten als eine Kunst zu treiben. So entstand vermutlich der Beruf der Barden, aus denen danach die Dichter entstanden sind, so wie von den ältesten Demagogen die Rhetoren.

Wenn man bedenkt, dass es bei jenen Feierlichkeiten hauptsächlich auf die Erweckung lebhafter Empfindungen abgesehen war und dabei überlegt, was für große Kraft die Musik und so gar das bloße Geräusch hat, die Empfindung zu unterstützen, so wird man es ganz wahrscheinlich finden, dass die erwähnten Erzählungen durch Musik unterstützt worden; da ohne dem auch die rohesten Nationen alle ihre Feierlichkeiten immer mit Musik begleiten. Daher ist denn das Metrische in der Erzählung entstanden. Hieraus lässt sich abnehmen, dass die ersten Heldengedichte der Barden affektvolle Erzählungen einheimischer Heldentaten gewesen, die bei öffentlichen Versammlungen mehr abgesungen als bloß erzählt wurden; dass der Inhalt allemal schon bekannte Taten ge wesen, die nicht zum historischen Andenken genau erzählt, sondern zur Erweckung lebhafter Empfindungen und zur Einpflanzung starker Nationalgesinnungen, auf das lebhafteste geschildert worden. Also kam es dabei weniger auf eine leichte Entwicklung des Fadens der Geschichte als auf die Wahl der Dinge an, die am stärksten auf die Empfindung wirken. Vornehmlich aber mussten die Hauptpersonen, die Helden des Gesangs, so vollkommen als möglich geschildert werden, dass jeder Zuhörer sie in ihren wichtigsten Taten gleichsam vor sich zu sehen glaubte.

Der Barde konnte nur die einzige Handlung oder Begebenheit, deren Andenken gefeiert wurde, zum Inhalt seines Gesangs nehmen; denn die Feste wurden nur zum Andenken solcher einzelner Taten gefeiert. Also waren diese Lieder nicht historische Gesänge, die eine Reihe verschiedener Begebenheiten enthielten; auch konnten sie nicht sehr lang sein, weil sie auf einmal mussten abgesungen werden.

So viel lässt sich durch Mutmaßungen von der ursprünglichen Beschaffenheit der Heldenlieder angeben, aus denen danach die Epopöe oder das durch Kunst zur Vollkommenheit gebrachte Heldengedicht, entstanden ist.

Der Kunstrichter, der dem epischen Dichter raten will, muss auf den Ursprung und auf die Originalform dieser Dichtungsart zurück sehen, damit er in seinen Urteilen einen Leitfaden habe; sonst läuft er Gefahr ihn ohne Not einzuschränken und ihm Regeln als notwendig vorzuschreiben, die doch in der Natur dieses Gedichts nicht gegründet sind.

 

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*) Aristoteles nennt alle Versuche des noch rohen Genies Autoschediasmata.


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