1. Gassendi


Am meisten Philosoph, am wenigsten Naturforscher unter ihnen ist Gassendi (Pierre Gassend), Sohn eines provençalischen Landmannes, schon mit dem 16. Jahre Lehrer der Rhetorik (Philologie), mit dem neunzehnten Professor der Philosophie und Theologie zu Aix. Er hängt noch stark mit der Renaissance zusammen. Von der antiken Skepsis sowie von Vives und Charron beeinflußt, sind seine Paradoxen Übungen gegen die Aristoteliker schon in Aix geschrieben, aber erst 1624 und 1659 und auch da nur zum Teil gedruckt worden; die drei Bücher insbesondere, welche das kopernikanische System und Brunos Lehre von der Unendlichkeit der Welten vortrugen, hat er auf den Rat von Freunden unterdrückt und nach außen hin dem System Tychos den Vorzug gegeben. Eine heitere und weltmännische Natur, liebenswürdig, gewandt und geschmeidig, wußte er sich überhaupt äußerlich den Forderungen seiner (der katholischen) Kirche anzubequemen und gewann sich dadurch Freiheit des Philosophierens, ja sogar autoritativen Einfluß. Seit 1633 war er Propst zu Digne in seiner Heimat, kürzere Zeit auch viel gehörter Professor der Mathematik in Paris, wo er 1665 starb. Seine Haupttat war die Erneuerung der vergessenen und verleumdeten Lehre Epikurs. Das dahinzielende Hauptwerk De vita, moribus et doctrina Epicuri (Dijon 1647) reinigte auch den Charakter dieses seines Lieblingsphilosophen von den ihm anhaftenden Flecken (vgl. I § 39); zwei Jahre später folgte das Syntagma philosophiae Epicuri (Lyon 1649), in der Form eines Kommentars zum 10. Buch des Laertius Diogenes. Sein eigenes Syntagma philosophicum erschien erst nach seinem Tode in den Opera omnia (1658).

Gassendis Erneuerung des Epikureismus war jedoch kein bloßes Zurückgreifen auf die Antike in der Manier der Renaissance. Er will vielmehr in seiner Lieblingswissenschaft, der Physik - er war ein Bewunderer Galileis - den epikureisch-lukrezischen Atomismus wiederherstellen. Um mit der Kirche formell auf gutem Fuße zu bleiben, erkennt er allerdings als »erste« Ursache aller Dinge die Gottheit an; die ganze weitere Entwicklung aber hat es nur mit der Materie zu tun, die sich bei allen Veränderungen gleich bleibt. Sie läßt sich zwar mathematisch ins Unendliche teilen, physisch aber stößt man zuletzt auf nicht weiter teilbare kleinste Teilchen (Atome), substantielle raumerfüllende Individuen, wie bei Demokrit voneinander getrennt durch »das Leere« (den leeren Raum), das dem »Vollen« gegenübersteht. Sie besitzen als solche Härte und Undurchdringlichkeit; die sekundären Qualitäten bleiben auch bei Gassendi außer Betracht. Alles Entstehen und Vergehen beruht auf der Trennung und Verbindung dieser Atome, alle Ursachen sind Bewegungsursachen. Dagegen fehlt die mathematische Bestimmung, ebenso wie der Begriff der kontinuierlichen Geschwindigkeit. Auch ist die Bewegungsenergie nicht von einem Atom auf das andere übertragbar. Dagegen wird - ein Fortschritt über Descartes hinaus - der Begriff des Moleküls als einer Atomverbindung eingeführt. In der Erklärung einzelner Naturerscheinungen beschränkt sich Gassendi auf die sinnliche Veranschaulichung der Erfahrungstatsachen durch die Bewegung der Atome.

Mit diesen streng naturwissenschaftlichen Sätzen kontrastiert einigermaßen die Ausnahme vom Gesetz des Mechanismus, welche der Propst von Digne nicht bloß für Gott, sondern auch für den dem Menschen von Gott eingepflanzten Geist annimmt, der unkörperlich und unsterblich sein soll, während sein System nur eine materielle, aus Atomen zusammengesetzte Seele kennt. Den Vorteil wenigstens hatte diese Anpassung, dass der Atomismus fortan nicht mehr als schlechtweg gottlos, sondern als sogar mit der Kirchenlehre vereinbar galt. Abgesehen von diesem nach zwei Jahrtausenden von ihm erneuerten atomistischen »Materialismus«, schlägt in Gassendi übrigens (s. o.) eine skeptische Ader. Er macht auf die Grenzen des Naturerkennens aufmerksam und zeigt, dass die Gegner des Materialismus ebensowenig wie dieser das Hervorgehen des Empfindenden aus dem Empfindungslosen zu erklären vermögen. In seinen Disquisitiones Anticartesianae (1643) - wie auch in den von Descartes veröffentlichten und bei diesem (Bd. II § 1) zu erwähnenden Objectiones - kritisiert er dessen »Cogito ergo sum«; im Gegensatz zu Descartes will er sich an die Erfahrung halten. Seine eigene Theorie der Erfahrung und des Erkennens ist freilich höchst, dürftig: Von den Dingen lösen sich beständig kleine Stoffteile ab, die als Bilder in unser Ich eindringen und es auf verschiedene Weise affizieren. Die Sinne können nicht trügen, sondern nur die Urteile des Verstandes. Die Verwandlung jener stofflichen Bilder in geistige weiß er nicht zu erklären, ebensowenig ihre Verknüpfung in einem einheitlichen Bewußtsein. So nimmt er zwar die Ergebnisse der neuen (Galileischen) Naturwissenschaft an, bleibt aber ihrem methodischen Grundgedanken innerlich fremd.

Auch nach seinem Tode bekämpften seine Anhänger, die sogenannten Gassendisten, im Namen der Erfahrung die Cartesianer, die ihrerseits das reine Denken auf ihre Fahne geschrieben hatten. Einig waren beide in ihrem Gegensatz gegen die Scholastik, die sich unter Leitung der Jesuiten an den katholischen Universitäten behauptete.

Mit Gassendi befreundet war der gelehrte Pater Mersenne (1588-1648) in Paris, der Mittelpunkt eines Gelehrtenkreises, dem auch Descartes und Hobbes angehörten. Er gab einen Kommentar zur Genesis heraus, in dem alle Einwürfe der Atheisten und Naturalisten widerlegt sein sollten, aber mehr Fleiß auf ihre Zusammenstellung als auf ihre Widerlegung verwendet war. Von der Musik aus gelangte er zur Mathematik, von dieser zu einer mechanischen Welterklärung, die er gleichwohl mit einer idealistischen Metaphysik zu verbinden wußte. Er hat Descartes vielfache Anregung gegeben. Sein Hauptwerk Harmonie universelle (1636) lehrt schon die Subjektivität der Sinnesqualitäten.


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