2. Kopernikus


Unterdessen schuf zu Frauenburg in Preußen der Domherr Nikolaus Kopernikus aus Thorn (1473 bis 1543) sein weltumwälzendes Werk De revolutionibus orbium caelestium l. VI. Kopernikus hat nicht, wie man oft annimmt, sein ganzes Leben in stiller Mönchsklause zugebracht - er war nicht einmal Theologe - -, sondern hat erst in Krakau und Wien (wo bereits der Mathematiker und Astronom Joh. Müller aus Königsberg in Franken, genannt Regiomontanus, aufklärend gewirkt hatte), darauf zehn Jahre lang in Bologna, Rom und Padua astronomischen, medizinischen und humanistischen Studien obgelegen, die er dann nach seiner Rückkehr in die Heimat fortsetzte. Zum Protestantismus ist er nicht übergetreten, scheint aber der freieren Richtung des Erasmus angehört zu haben. Schon 1506 begann er mit der Aufzeichnung seiner Lehre, hielt sie jedoch aus begreiflichen Gründen von der Veröffentlichung zurück. Erst in seinem Todesjahre ließ er sie auf Drängen eines begeisterten Schülers drucken; der Nürnberger Prediger Osiander gab sie dann mit einer sehr zaghaften Vorrede heraus. Zu seiner berühmten Entdeckung von der Umdrehung der Erde um die Sonne trieb Kopernikus in erster Linie die Überzeugung von der »Klugheit« (sagacitas) der Natur, die stets den einfachsten Weg wähle. Dazu kam dann das Prinzip der Relativität: die scheinbare Bewegung der Dinge beruht in tausend Fällen auf unserer eigenen. Fortbewegung. Methodisch aber ist sein Weg derjenige der platonischen Hypothesis (I, § 22): er weist nach, dass unter seiner Voraussetzung die Bewegungen der Gestirne sich genau so vollziehen müssen, wie sie uns erscheinen. Dem Plato hatte er auch das Motto für sein Werk entlehnt: Oudeis ageômetrêtos eisitô! Die neue Lehre wurde von den Zeitgenossen teils nicht beachtet, teils, so auch von Luther, als Narrheit behandelt, dann aber, als man sie begriff, aufs heftigste bekämpft. Von bedeutenderen Gelehrten erklärten sich nur Kepler und später Galilei für sie; auf dem päpstlichen Index librorum prohibitorum hat sie bis 1757 gestanden. Sie war in der Tat auch »revolutionär« genug, wohl geeignet, alle bisherigen Vorstellungen über das Verhältnis des »Himmels« zu der Erde von Grund aus umzustürzen. »Unter allen Entdeckungen möchte nichts eine größere Wirkung auf den menschlichen Geist hervorgebracht haben als die Lehre des Kopernikus... Denn was ging nicht alles durch diese Anerkennung in Dunst und Rauch auf: ein zweites Paradies, eine Welt der Unschuld, Dichtkunst und Frömmigkeit, das Zeugnis der Sinne, die Überzeugung eines poetisch-religiösen Glaubens; kein Wunder, dass man dies alles nicht wollte fahren lassen, dass man sich auf alle Weise einer solchen Lehre entgegensetzte, die denjenigen, der sie annahm, zu einer bisher unbekannten, ja ungeahnten Denkfreiheit und Großheit der Gesinnungen berechtigte und aufforderte.« (Goethe, Gesch. d. Farbenlehre, 3. Teil.)

Das neue, sonnenzentrische Weltbild wies von selbst auf ein dem Sinnenschein entgegengesetztes Denken hin. Telesio (§ 3) hatte zwar an die Stelle der aristotelischen »Form« bereits den Begriff der »Kraft« gesetzt, aber ihn noch zu unbestimmt gelassen. Eben auf die Analyse und den Zusammenhang der einzelnen Kräfte, auf die Feststellung eines methodischen Prinzips kam es an. Dies geleistet zu haben, ist das Verdienst von Johann Kepler und Galileo Galilei.


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